Zwei Türme

19. Februar 2006

photo: Rene Schwietzke

Video (Peter, Fettgusche) 4,5 MB

9.10 Uhr. Die Sonne scheint. Tausende Menschen in Sonntagmorgenfrisuren. Kleinkinder auf Papaschultern, aufgeregten Unsinn plappernde Muttis, irgendjemand schenkt Kaffee aus. An den offenen Fenstern der Häuser stützen sich Omas auf Sofakissen. Beste Volksfeststimmung.
Wenn ich mir die Videokameras weg und eine Bühne mit Fähnchen wedelnden Funktionären dazu denke, dann ist er wieder da: Der erste Mai.

Aber es ist nicht der erste Mai, sondern der 19. Februar. Am Himmel über mir schwebt, laut und nahe, ein Polizeihubschrauber. Der Duft von Kerosin liegt in der Luft.
Vor mir ist ein rot-weißes Plastikband gespannt. Damit ich nicht in die Gefahrenzone vordringe. Auf den Straßenkreuzungen stehen gut gekennzeichnete Polizisten und winken Autos durch die Gegend, deren Fahrer nicht auf die Straße schauen.

Alle Blicke sind auf zwei Türme gerichtet, die heute fallen sollen. Jetzt gleich, in 20 Minuten. Die Schornsteine des Kraftwerks Gera Süd müssen weichen. Ich vermute mal für ein Kaufhaus. 120 Meter ragen sie auf, fast neu sehen sie aus. Auf dem linken Turm hat jemand einen Spruch aufgesprüht und es muss sich um einen Akrobat gehandelt haben. Er hat oben angefangen und sich nach unten durch grafittiert. Auch sein Werk wird gleich ausgelöscht werden. 9.20 Uhr.

Mein Telefon klingelt. Ein Freund. Er steht auch an den Schornsteinen, aber an den falschen, draußen an der Autobahn, umringt von anderen Fehlgeleiteten. Ich gebe ihm die Koordinaten zum korrekten Kraftwerk.

Ich hänge mir die Kamera vor die Brust, schalte sie ein, das Objektiv zurrt nach vorn. Piep. Sie ist bereit. Das Licht ist gut, die Reichsstraße heute äußerst fotogen.

Krawumm!
Der Boden bebt. Mein Magen schwingt im Takt der Druckwelle. Wie denn, was denn? Es ist doch erst 9.27 Uhr.

Krawumm!
Na gut, dann wenigstens noch ein paar Panikbilder. Ein Turm ist schon völlig weg, der andere hängt schief in der Luft. Und jede Menge roter Staub. Aber der ist kein Problem. Denke ich.

Zehn Sekunden später quillt der Staub in die Häuserschluchten der Reichsstraße, weitere zehn Sekunden darauf wird es neblig im Ostviertel. Sichtweiten unter hundert Meter. Menschen fliehen hustend. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und strample bergan, heraus aus dem Talkessel.

Bis an den Rand der Innenstadt muss ich fahren um wieder frei atmen zu können. Dann ist aber auch schon egal. Mein Haarspitzen sind ergraut und meine schwarzen Schuhe nicht mehr ganz so schwarz wie noch vor fünf Minuten.

Das Adrenalin wirkt gut nach. Von trägem Sonntagsgefühl keine Spur.
Aber ein Bild drängt sich mir auf. Dasselbe Bild, das sich allen aufgedrängt hat die heute dabei waren.
Die Erkenntnis und das flaue Gefühl, dass wir es unendlich gut haben, wie zerbrechlich und wertvoll die Ruhe ist und der Frieden, von dem wir meinen, er sei normal.

Kommentare

4 Kommentare für “Zwei Türme”

  1. strudel am 19. Februar 2006 um 13:52 Uhr

    Ich war auch etwas überrascht vom Zeitpunkt.

    Ich hatte zwar die zwei Signaltöne gehört, aber als sich nichts tat, habe ich es erstmal gelassen. Als es dann den ersten Schlag gab bin ich ganz schön erschrocken und hab dann draufgehalten. Aber deshalb eben etwas verwackelt und auch nicht so gut fokussiert.

    Aber naja… wie Volksfest eben. Ich hoffe ihr seid der Staubwolke auch noch rechtzeitig entkommen.

  2. HaPe am 19. Februar 2006 um 20:11 Uhr

    Oh, Shit, ich kam nicht mehr zum gewählten Treffpunkt, man lies mich nicht mehr über die Brücke. Die Zeit drängte, also verschanzte ich mich auf der anderen Seite der Brücke (B92/Arminiusstr.)verteidigte die ebenfalls gute Sicht, in dem ich mich nicht mehr von der Stelle rührte :) Als alles vorbei war, ging ich direkt zum Ort des Geschehens und machte dort auch noch verschiedene MOVs (Quicktime). Laut mdr-Thüringen-Journal soll dort ein “Technologiepark” entstehen.

    Bilder und Videos findet man unter anderem bei fettgusche.net

  3. Anonymous am 19. Februar 2006 um 23:26 Uhr

    Hallo hape,

    bei http://www.untermhaus.de gibt es auch schöne Bilder und Videos.

  4. Lymnea stagnalis am 19. Februar 2006 um 23:31 Uhr

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