Work Community
10. Mai 2008
Als ich gestern meine Soljanka mit Brot auf dem Jenaer Marktplatz Freiluftlöffelte, kam Lars Zapf.de stirnrunzelnd und Headset-telefonierend auf dasselbe Billigsuppen-Etablissement zu gelaufen. Er lehnte sich an einen Stehtisch. Das Telefonat strengte ihn an. Ich löffelte erstmal weiter.
Irgendwann hörte er auf mit dem Stehtisch zu sprechen und ich sagte seinen Namen, woraufhin er mich erkannte, was nicht ganz einfach gewesen sein konnte, denn ich hatte mich verkleidet: Costa Brava Schirmmütze und Sonnenbrille.
Er holte sich auch so eine Suppe und setzte sich zu mir. Wir unterhielten uns über ungebremst geekige Themen und er zeigte mir sein importiertes und “gejailbreaktes” iPhone, woraus ein wieder neues Geek-Universum entstand.
Danach fragte er was ich noch so vorhabe, worauf ich erwiderte dass ich gedenke den Nachmittag im Cafe zu verbringen und dort so zu tun als würde ich arbeiten. Das fand Lars eine ganz vorzügliche Idee und bot mir an eine “Work Community” zu bilden.
Im Sonneberger Dialekt klingt diese Substantiv-Kombination noch geheimnisvoller, als sie ohnehin ist und so fragte ich nach ihrer Bedeutung. Lars erklärte dass es sich bei diesem Phänomen um die Zusammenrottung teilweise wildfremder und oft vereinsamter Internetarbeiter handelt, welche sich an öffentlich Plätzen treffen und dort wenn nicht miteinander so doch am selben Ort ihrer obskuren Tätigkeit nachgehen. Er habe sogar in San Francisco beobachtet wie Firmen sich solchen Individuen annehmen und ihnen Schreibtische mit Telefon und Internetanschluss für vergleichsweise günstige Monatsmieten anbieten.
Wir hingegen mussten nichts anmieten sondern bloß was kaufen für unsere Daseinsberechtigung im Cafe Markt 11, in welches wir uns alsbald begaben. Dort saßen wir dann mehrere Stunden mit Laptops und web-to-go Utensilien. Lars telefonierte gelegentlich mit Überseekunden, ich aß gelegentlich Kuchen weil mich nie jemand anruft. Ab und zu unterhielten wir uns um dann wieder in stummes Tastaturklappern zu verfallen.
Alles in allem eine merkwürdige Erfahrung, aber interessant im Hinblick auf ein anderes Phänomen: Synergie. Trotzdem der Work Community Partner einer völlig anderen Arbeit für eine völlig andere Firma nachgeht, bekommt man doch Dinge mit die einem selbst helfen können. Es fließt also Information die sonst nicht fließen würde.
Außerdem macht es irgendwie Spaß und man fühlt sich seltsam zusammengehörig, wenn nicht sogar verschworen im Kampf ums Überleben. Das Überleben im Netz.
foto: 2dogs






Na dann lass uns sowas doch auch mal hier machen.
Genau so stelle ich mir die digitale Boheme vor, wie sie im Buch “Wir nennen es Arbeit” beschrieben wird.
Was mich allerdings wundert, das dies im Markt 11 oder woanders so einfach geduldet oder akzeptiert wird.
Gut in Jena kann ich es mir vorstellen, jedoch auch nicht in jedem Lokal. Die Akzeptanz (und auch die WLan Verbreitung) lässt noch sehr zu wünschen übrig und man wird doch des öfteren noch komisch angesehen oder gar gebeten “das Ding” auszumachen und wegzupacken.
Aber vielleicht hab ich auch bisher einfach nur Pech gehabt, oder wie ist deine / eure Wahrnehmung.
Cheers
Gonzo
@micha
Wird schwierig in Gera, weil öffentliches Arbeiten…
@Gonzo
…ja schon in Jena zu Problemen führen kann. Und dort sollte man es bisher gelernt haben. Ich selbst bin schon mal des Turm-Restaurants Scala verwiesen worden. Aber das war im Winter. Jetzt bringen mich da keine 10 Pferde hin.
Ich denke es wird in Zukunft Cafes geben, die sich auf genau diese Kundschaft einstellen und diese sogar umwerben mit freiem W-LAN, zweckmäßigem Mobiliar und anderen Goodies. Im Gegenzug muss man pro Stunde oder so halt einen bestimmten Betrag verzehren. Fänd ich völlig okay.
Die andere Cafes können sich dann um die angestammten Cafe-Kunden kümmern. Vielleicht richten Cafes aber auch Internet-Ecken ein, wo wir dann sitzen.
Es gibt so viele Möglichkeiten der Integration.
Ich war in Marburg in nem Café und dort musst man pro Stunde einen Mindestumsatz von 1,50 machen, um das WLAN auch länger nutzen zu können. Fand ich jetzt völlig in Ordnung.
In Gera gibts jetzt sogar einen Waschsalon mit kostenlosem W-Lan
Noch nicht selbst gesehen, aber in einer von diesen kostenlosen Zeitungen ist immer eine Werbung drin.