Salü

21. Mai 2008

Annett fragt wie es mir in der Schweiz gefällt. Da die Frage etwas zu komplex ist als dass sie einfach in einem Kommentar abgehandelt werde könnte, widme ich der Beantwortung hiermit einen eigenen Blogeintrag.

Nun war ich schon mehrmals in der Schweiz, aber nie länger als einen Tag und wenn mich meine Erinnerung nicht trügt auch nie in einer richtigen Großstadt, sondern mehr oder minder abgelegenen Berggegenden, komplett mit vollhölzernen Wirtshäusern und Almölis die in weiße Bärte murmelten. Heidi war wohl gerade Wasser holen als ich dort Rast machte und deswegen habe ich sie verpasst. Aber sie wohnt ganz sicher dort irgendwo.

Zürich gehört in eine ganz andere Kategorie von Urbanität und kann sicher nicht mit dem Rest der Schweiz verglichen werden.

Der Verkehrnetzplan der gerade neben mir auf dem Hotelbett liegt, steht dem anderer europäischer Metropolen in Hinblick auf sein Verwirrungpotenzial in nichts nach.

In Zürich gibt es mehr Straßenbahnen als in ganz Deutschland zusammen genommen. Das Streckennetz hat eine Länge von nahezu 300.000 Kilometern und der Kurvenquietschindex liegt bei 90dB. Die Fahrscheine besitzen einen 18 Karat Goldrand.

Wenn ein kolumbianischer Kaffeeplantagenarbeiter 1 Jahr lang pausenlos durcharbeitet, kann er von seinem Gehalt einmal vom Centralplatz zum Zoo fahren. Für einen Zoobesuch muss er noch mal 10 Jahre ran. Offenbar zur Entschädigung gibt es für die vielen Fußgänger kostenloses Trinkwasser welches in Zürich öffentlich dauersprudelt.

Unter kulturellen Gesichtspunkten komme ich mir als Deutscher in Zürich vor wie ein Barbar. Die stilsichere Herausgeputztheit dieses Ortes lässt sich nicht in Worte fassen. Höchstens in einen Hochglanzkatalog, wobei der Glanz sozusagen schon vor den Fotos existiert.

Verfallserscheinungen und Verschmutzungen jeglicher Art sind im hiesigen Kanton scheinbar gesetzlich verboten. Und alle halten sich dran.

Der äußerliche Eindruck setzt sich bei den Dienstleistungen fort. Mein heutiges Mittagsessen beispielsweise fand in einer Atmosphäre so hochgradiger Perfektion und Umsorgung statt, dass selbst First Class Stewardessen von Singapore Airlines in lebenslange Ehrfurcht verfallen würden.

Einziger Makel des Etablissements war das W-LAN Netzwerk, welches vom Ansturm Laptoppiger Gäste in die Knie gezwungen wurde. Interessanterweise scheint die Schweizer Gastronomie mit moderner Web-Technologie noch nicht allzu viel am Hut zu haben. Exorbitante Preise und mangelnde Verfügbarkeit sind Indizien dafür.

Ich könnte stundelang so weiter schreiben. Aber zur Illustration meiner Empfindungen soll es genügen. Vielleicht noch eine Anmerkung zur Höflichkeit. Auch hier war ich sehr angetan. Kein böses Wort, kein Aufbrausen, keine Unflätigkeit. Sogar der Kellner der mich heute darauf hinwies doch bitte meine Füße von der Holzbank vor seinem Restaurant zu nehmen, tat dies so galant, dass es mich fast peinlich berührte.

Es ging ihm auch gar nicht um Schmutz, sondern um meine Ausstrahlung auf seine potenziellen Gäste. Bei ihm wird halt nicht gefläzt. Dass es sich um ein „amerikanisches“ Pub handelte welches eine gewisse Lockerheit zu transportieren suchte, der ich nur allzu gern nachkam, steht auf einem anderen Blatt. Offenkundig unterliegt auch die Lockerheit in diesem Land bestimmten Grenzen.

Ich finde das vollkommen okay, wenn sich die Mehrheit eines Volkes auf solche Allgemeinplätze einigt und diese dann konsequent vertritt.

So, jetzt ist der Artikel aber wirklich lang genug.

Fazit: Zürich ist eine Super Stadt und ich freue mich aufs nächste Mal.

Kommentare

3 Kommentare für “Salü”

  1. Annett am 21. Mai 2008 um 12:32 Uhr

    Ich bin beeindruckt. Ausdrucksstarke lange Texte mag ich ja sehr gern lesen :) . Schön, bitte mehr davon !

  2. Radio-Bank » Blog Archive » Grenzwellen, D-Radio, NDR4 - Stoppt den Dudel! am 21. Mai 2008 um 20:03 Uhr

    […] was ganz wichtig ist: KEINE HOLEN JINGLES aller 2 min. Deutschlandfunk, Deutschlandradio Berlin und NDR Info sind alles öffentlich-rechtliche Kultur und Nachrichten Sender und haben das […]

  3. Just Neumann am 23. Mai 2008 um 18:12 Uhr

    Annet - bin ganz deiner Meinung! Radio-G wird immer besser.
    Also - die Schweiz, das ist doch was!
    Mach weiter so, Michael von Radio-G …

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