Messe, Teil 1
19. März 2006
Zuerst die Zahl: 126.000
Soviele Besucher hatte die Leipziger Buchmesse im Jahr 2006.
Ich bin Teil eines riesigen Menschenknäuels. Es müssen hunderte sein. Wie eine Straßenkreuzung treffen die Zugänge zweier Messehallen aufeinander. Alles steht. Auch die Luft.
Mir wird langsam schummrig. Aber das liegt gar nicht an der undeodorierten Luft, sondern an den vielen Menschenköpfen die vor meinen Augen tanzen. Es ist derselbe Effekt wie man ihn auf hoher See hat. Man kann den Horizont nicht erblicken und das Gleichgewichtszentrum im Innenohr meldet falsche Daten ans Gehirn. Daten, die mit denen der Augen nicht zusammenpassen. Ich schaue hoch an die Glaskuppel, dreißig Meter über mir.
Fremde Frauenbrüste drohen mich zu zerquetschen. Als potentielle Gefahr habe ich diesen Teil weiblicher Anatomie vorher noch nie wahrgenommen. Schöner Tot, zweifellos! Aber tot ist tot.
Ungeduld lodert auf. Menschen beginnen zu drängeln. Wohin, frag ich mich und fühle mich unweigerlich an Szenen der Pilger nach Mekka erinnert. Vierzig Tote hier, dreißig dort. Es wird ganz kurz noch mal sehr eng und dann endlich: Die Menge bewegt sich. Fünf Minuten später habe ich die Halle des Grauens verlassen und befinde mich im normalen Gedränge, dem ganz alltäglichen Buchmessewahnsinn.
Das Schöne an solchen Großveranstaltungen ist das Publikum, oder besser gesagt, seine Vielfalt. Große Menschen, kleine Menschen, dicke, dünne, hübsche Mädchen mit schönen Lippen und engen Jeans, ungekämmt pubertierende Söhne norddeutscher Pfarrersfamilien, Europäerinnen in indischer Volkskleidung, Geschäftsleute in schlecht sitzenden, dunklen Peek&Cloppenburg Anzügen mit rosa Schlipsen, Hakennasen, Stupsnasen, mittelalterliche Nasen, mit Sommersprossen und ohne. Alles dabei.
Obwohl ich ja heute da war, ist mir nicht ganz klar, was auf einer Buchmesse eigentlich passiert. Ich meine, was kann ein Verlag damit erreichen, auf einer Messe auszustellen? Leser anlocken, okay. Aber das geht mit Hilfe der Massenmedien doch viel wirksamer. Zumal Verlage auf der Buchmesse gar nicht verkaufen dürfen.
Autoren anlocken kann ich mir nicht vorstellen, denn welcher Autor schon mal versucht hat sein Buch bei einem deutschen Verlag an den Mann zu bringen, wird vertraut sein mit der Aussichtslosigkeit eines solchen Unterfangens. Es sei denn der Autor ist schon prominent.
Wenn Dieter Bohlen schreibt, ist es eigentlich egal was er schreibt. Hauptsache ER schreibt.
Wenn er mindestens zwei seiner ausgezutzelten Ex-Pop Partner und -innen verbal die Hosen auszieht wird es garantiert ein Hit, oder das literarische Pendant: Der Bestseller.
Ende, Teil 1






Bohlen schreibt nicht, Bohlen lässt schreiben und zwar Machwerke.