Menschlichkeit

30. Dezember 2005

Gerade durch die Stadt gelaufen. Winterwetter genießen, so lange es noch da ist. Auf der Sorge links gegangen, weil da der Matsch nicht so tief ist. Das Kinn im Mantelkragen vergraben, die Bartstoppeln ziehen, die Ohren frieren, ich bin zu eitel für eine Schlabbermütze.

In Amerika gibt es so Dinger, ich weiß gar nicht wie die heißen, die sehen aus wie ein Kopfhörer aus Fell und halten die Ohren warm. Der Bügel liegt aber nicht auf dem Kopf, wie bei einem richtigen Kopfhörer, sondern er geht hinten ums Genick herum. Gar nicht schlecht. Man muss keine Mütze aufsetzen und die Öhrchen bleiben trotzdem warm.

Im Elsterforum gehe ich in die Bücherecke, obwohl die nun wirklich nicht gut sortiert ist. Aber man kann es ja trotzdem versuchen. Dann fahre ich runter ins Erdgeschoss. Dort sitzt ein Haufen Leute. Sie trinken Kaffee, essen Kuchen und plappern dass es nur so eine Freude ist. Der Klavierspieler mit dem Pferdeschwanz hat gerade Pause und unterhält sich mit einem dicken Mann über „Rhythmus den man da rein bringen könnte“ oder so etwas.

Es gibt so einen Typen in Gera. Der ist mir schon lange aufgefallen. Das muss ein Gigolo sein. Er sitzt ausschließlich in Cafés oder Restaurants in Begleitung von Frauen. Immer andere Frauen. Er trägt einen Anzug oder Leder. Sehr fein. Seine Zigarette hält er nach oben, zwischen Daumen und Zeigefinger. Er schweigt wenn die Frauen ihm etwas erzählen, aber ich bin nicht sicher ob er ihnen zuhört.

In den Arcaden versuche ich die Thalia Buchhandlung. Die ist schon viel besser. Als ich ein scheinbar interessantes Buch gefunden habe, setze ich mich auf die rote Couch und beginne zu lesen. Nur die Konzentration fällt mir schwer, denn auf der anderen Couch mir gegenüber sitzt ein Pärchen, etwa 15 schätze ich. Das heißt, eigentlich liegen sie schon fast. Er umarmt sie so von hinten und ihr Kopf liegt auf seinem Bauch.

Nach einer Weile kucke ich noch mal rüber und da hat er doch tatsächlich seine Hand von oben in ihren Ausschnitt geschoben. Alle sehen es natürlich, aber niemand sagt was. Was soll man auch sagen. Wahrscheinlich haben die beiden sonst keinen Platz, wo sie so was tun könnten. Ich kenne Menschen die zum Schlafen und Aufwärmen in diese Buchhandlung kommen. So was ist jetzt noch selten, aber wird sicher zunehmen. Damit meine ich gar nicht die Edelbettler in der Nähe der Kaufhäuser. Die sind jetzt schon weg. Weihnachtsmarkt vorbei, Saison vorbei.

Ich weiß nicht warum, aber plötzlich überkommt mich ein Heißhunger auf Erdnussflips. Bei Müller kehre ich ein und hole mir eine Tüte zu eins neunzehn. An der Kasse passiert dann etwas, was mich immer wieder sprachlos werden lässt. Ich stehe deutlich wartend zum Bezahlen an und dann kommt von hinten links ein Rentnerehepaar und stellt sich genau vor mich in die Reihe. Sie können mich nicht übersehen haben. Ich überrage sie beide bei weitem. Aber sie befinden sich in diesem seltsamen Zustand blinder Fiktiveile, die viele unserer lieben Senioren von Zeit zu Zeit überkommt. Sie schauen weder links noch rechts. Sie müssen hier was erledigen und zwar genau jetzt. Sie leben sozusagen „im Moment“.

Ich könnte meckern, ich könnte sie vor allen runtermachen, ich könnte den ganzen angestauten Weihnachtskotzstress jetzt an diesen beiden Panikpensionären abreagieren. Und ich habe wirklich große Lust dazu. Aber ich tue es nicht. Ich vergebe ihnen. Das geht schneller.

Kommentare

Ein Kommentar für “Menschlichkeit”

  1. HaPe am 30. Dezember 2005 um 19:38 Uhr

    Ja Ja, der Micha wieder …. zu eitel fürs “eisige Geraer Klima”,
    bis die Ohrwatscheln von selber abfallen … die Dinger Die Du meinst, heißen Earbacks …oder einfach Ohrenwärmer (ohne störenden Bügel). Guckst Du hier Earbacks !! Und mit denen passiert auch nicht Folgendes:
    Im eisigen Seewind treffen sich zwei Matrosen.
    “Wo hast du deine Ohrenschützer gelassen?”
    “Seit dem Unglück trage ich sie nicht mehr.”
    “Was für ein Unglück?”
    “Man hatte mir einen
    Whisky angeboten, und ich habe nichts gehört…”
    cu HaPe

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