Kein Ost/West Bashing, dafür schöne Gespräche
16. Dezember 2005
Der Abend im OKG ist vorbei, meine Eindrücke noch frisch und deshalb habe ich mich entschlossen, meinen Bericht zumindest gleich zu formulieren. Posten kann ich ihn dann morgen.
Los ging es um sieben mit der Würdigungsrede der Chefin des OKG. Laudatio heißt so was und das Thema war die Fotoausstellung von Ramon Miller, Fotograf und – wie ich später herausfand – Baudezernent der Stadt Gera. Baudezernenten sind halt auch nur Menschen. Manche fotografieren sogar. Dieser fotografiert hauptsächlich Landschaften und Architektur. Gera, Paris, New York. In dieser Reihenfolge. Oder: Zwötzen, Louvre, Time Square. So soll es sein.
Als Geraer könnte man da lachen, weil es irgendwie eingebildet klingt. Tatsache ist aber, dass Gera – obwohl des die Einheimischen nicht so sehen mögen – sehr wohl mithalten kann mit anderen, größeren Plätzen dieser Welt. Dazu aber später mehr.
Nach der Ausstellungseröffnung wurde es kurz peinlich (also für mich zumindest, aber ich bin ja auch verklemmt), weil ein offenkundig schauspielernder Mann der aussah wie der Bruder von Peter Lustig, die versammelten Gäste zum Singen animieren wollte. Manche sangen. Ich nippte leicht errötet an meinem kostenlosen(!) Bier.
Danach kamen die üblichen Stehempfangsgespräche bei denen sich Menschen anderen Menschen vorstellen oder von wieder anderen Menschen vorgestellt werden. Man kennt das ja aus Filmen.
Ich zähle nicht zu den besonders extrovertierten Menschen, verließ also die fröhlich Stehempfangenden und schaute mich im Studio um. Hier sollte nachher eine Gesprächsrunde zum Thema Ost/West stattfinden. Momentan spielte sich ein Gitarrist mit Weihnachtsliedern warm. Die Violinistin neben ihm sang leise dazu. Zwei Damen in Interviewsesseln bekamen Kragenmikrofone angesteckt. Der Moderator versuchte sich zu konzentrieren. Ich schoss Fotos.
Ein paar Minuten später ging es einfach los. Kein großes Tamtam, kein Salbadern, keine Jazzfanfare. Guten Abend meine Damen und Herren. Zwei Wessifrauen, die eine aus Hannover, die andere aus Hessen. Was hat Sie denn hierher verschlagen? Warum gerade Gera? Wie hat man Sie empfangen? Diese Fragen hätte man sich auch 1990 ausdenken können. Die Damen taten mir ein wenig leid.
Sie trugen es mit Fassung und brachten mit Hilfe einiger Anekdoten das Gespräch auf den Punkt: Das Thema Ost/West ist zumindest für im Osten lebende Wessis einfach durch. Die Wende liegt 15 Jahre zurück, liebe Ossis. Macht euch mal locker. Wir arbeiten hier, wir leben hier, unsere Kinder gehen hier zur Schule und sprechen Gersch’, zum Kreuzdonnerwetter (Anmerkung des Verfassers). Der Moderator bohrte freundlich weiter.
Auch beim folgenden Gespräch setzte sich dieser Trend fort, wenn auch auf statusmäßig höherem Niveau. Herr Fuchs, Richter am Verwaltungsgericht Gera und Herr Vornehm, kaufmännischer Vorstand der Geraer Stadtwerke stellten sich nun leicht abgewandelten Fragen. Es half nichts. Die Wessis wollten partout nicht in die rhetorisch herauf beschworene Verteidigungshaltung wechseln. Ganz im Gegenteil. Sogar der hinter mir sitzende, wenig diplomatische Flüsterossi war mittlerweile verstummt. Selbst er hatte es begriffen.
Der Wendepunkt kam mit einem Kommentar des Herrn Vornehm, der mehrere Jahre in Heidelberg, dem Glitzervorzeigeort Deutschlands, zu Hause war und anmerkte, dass Gera im Vergleich mehr zu bieten hätte, besonders wenn es um Kultur ginge. Wenn man in Heidelberg wohnt, muss man zum Kulturgenuss mindestens nach Mannheim reisen, eher noch nach Frankfurt. In Gera ist das nicht notwendig.
Ich habe in Gedanken applaudiert. Nach fast fünf Jahren Amerika sage ich jedem der es hören will: Ich kann in Gera an einem Tag mehr erleben als in einem Jahr USA. Das ist einfach so.
Zwei Musikeinlagen und eine Gesprächsrunde weiter war die Sendezeit vorbei.
Zurück im Stehempfangsraum widmete ich mich einem weiteren Bier, mehreren liebevoll hergerichteten Knoblauchversetzten Brotscheiben und einem Gespräch mit dem Fotografen des Abends.
Wir sprachen über Komposition, Farben, den stilistischen Wert von Eisenbahnanlagen in der Fotografie und über Bürgerhäuser in Paris. Dann war mein Bier alle und ich ging nach Haus.
Es war sehr schön beim OKG. Ich habe das Gefühl viel gelernt zu haben. Über Gera, die Menschen und was sonst noch so passiert.






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