Instant Gratification
21. Dezember 2006
Nein, das ist keine neue Nescafe Kreation. Aber schnell ist sie wohl, die Sucht nach der sofortigen Befriedigung. Und gestern hatte ich ein “High”.
Ein neues Gadget musste her. Kameraobjektiv diesmal. Ich war in der Stimmung, das Internet bereit, die Kreditkarte schnalzte auf den Tisch wie in der Fernsehwerbung aus den Achtzigern und kapitalistisch konditionierte Hormone schossen durch meine Blutbahn.
Erst mal vernünftig, cool bleiben, besten Preis suchen.
Da ist es billig, aber die nehmen keine Kreditkarten, nur Vorkasse, dauert ewig. Der lokale Händler hat das Teil, aber nur als Demo und dafür will er mehr Geld als der unverschämteste Internetvertrieb.

Ah, Amazon macht’s. Der Preis ist hoch, aber es ist auf Lager, Kreditkarte kein Thema, gerne doch, Versand gratis. Standardpost, drei bis vier Tage. Mist, das ist zu lang. Und genau jetzt kommt das “Instant” ins Spiel: Overnight mit DHL. Zustellung bis 12.00 Uhr am nächsten Tag. Kostet 13 Euro extra.
Kurz überlegt, doch auch dies eher pro forma. Denn eigentlich ist klar. Ich brauch meine Dröhnung.
“Klick” macht die Maus, die Bestellung ist weg und die Kettenreaktion, die ICH in Gang gesetzt habe nimmt ihren Lauf. Das bislang virtuelle wird fassbar. Jemand in einem Lager sucht nach meinem Objektiv, findet es, verpackt es, klebt ein Etikett drauf und gibt es einem Fahrer. Der brettert wie ein Besessener zum Flughafen. Eigentlich bräuchte er eine Polizeieskorte.
Am DHL-Terminal wandert das Objektiv noch durch ein paar Hände und dann geht es hinaus aufs Rollfeld. Der orange Schein der Flutlichter, leichter Regen, der Geruch von Kerosin, das Pfeifen der Turbinen. Die große Welt.
“Wind 220, 14 Knots, Cleared for Take-off, Runway 25 Right”. Und ab geht’s in die Wolken. Der Flug dauert 45 Minuten, Landung im Nebel. Der DHL-Truck auf dem Vorfeld wartet schon.
Irgendwas surrt hier. Na ja…
Das surrt schon wieder. Ahhh! Die Türklingel, das Paket, mein Objektiv. Raus aus dem Bett, zur Wechselsprechanlage gehechtet. Das der bloß nicht wieder weg fährt. Wäre ja Blödsinn. Ein Weckruf für 13 Euro.
Der Bote ist eine Botin. Auch nich schlecht. Sie ist gehetzt, genervt, will nur meine Unterschrift, steht kurz vorm Kollaps. Wie Expressmenschen so sind.
Die Schachtel ist hellbraun, Strichcodes, kryptische Zahlenreihen und dazwischen ein Reißverschluss. Den betätige ich zitternd und da ist es, mein Objektiv. Die Hormone sprudeln nochmal kurz und dann wird es ruhiger. Es ist da, es gehört mir, das Geld ist weg, das Leben geht weiter.
Scheiße ja, aber auch schön. Ich habe was verändert in der Welt, habe vielen Menschen Arbeit gegeben und fossile Rohstoffe verbrannt und den ganzen verrückten Laden am Laufen gehalten. Einfach so, weil es geht.
Auf vielfachen Wunsch gibt es hier die Audiofassung des obigen Artikels zum Anhören und herunterladen:





Das gefällt dir. Nicht?

Welches Objektiv ist es denn?
Ich hab jetzt die EOS400D und hab mir das Sigma 17-70 / 2,8-4,5 geholt. Ist echt super und viel besser, als die Standard-Scherbe.
Teleobjektive hab ich ja noch von meiner alten Canon, die passen alle wieder.
Das Canon EF USM 3,5-5,6/28-135 IS
Ist mir sehr empfohlen worden und ich muss sagen: nicht schlecht
USM ist schonmal gut, aber warum die 28´er Eingangsbrennweite?
Dadurch hast Du doch durch die 1,6 fache Brennweitenverlängerung Deiner 350D ein 44-216.
Also nix mehr mit Weitwinkel und du mußt immer 2 Objektive dabei haben…
Der Text ist einfach nur geil.
Hallo! Gibt es die wunderbar gelesene Fassung dieses Textes nur im Trackback-Podcast zu hören oder kann man sie auch an anderer Stelle herunterladen?
ähm…
momentan nur bei trackback, wolfgang. aber wenn du willst, kann ich sie auch hier aufschalten.
[…] 3. Text zum Hören und Freuen: Instant Gratification (08:45)Im Trackback-Podcast von Radio Fritz (rbb) und Johnny Haeuslers spreeblick war in der Folge vom 6. Januar der Text »Instant Gratification« zu hören. Geschrieben und gelesen hat ihn Michael vom Radio-G-Podcast. Da der Text zwar im Weblog zu lesen ist, dieser aber dort nicht zum Download bereitsteht, haben wir bei Michael angefragt, der uns den Text freundlicherweise auch für den Literatur-Café-Podcast überlassen hat. Mit guten Texten ist es ja wie mit guten Liedern: man kann sie durchaus mehrmals hören. Wir sagen danke an Michael! […]
[…] - Konfuse Frauen im Tower - Happy News (die helle Seite der Macht) - Lars Begerow von flam-b über das Leben einer Band - Blogspiel - Instant Gratification […]
[…] warten kann, habe ich wieder mit DHL Overnight bestellt. Die berüchtigten 13 Euro. […]