Günter Wallraff gibt uns unser täglich Brötchen

6. Mai 2008

Die 80er sind vorbei und Günter Wallraff ein älterer Mitbürger mit Glatze. Trotzdem macht er auf Anfang Fünfzig und lässt sich von einer Firma anstellen in der Lidl Brötchen im Zeitraffer von Billiglohnmalochern aufgebacken werden. Dort erlebt er eine Seite Deutschlands die man in Polen vermuten würde oder in China.

Wie eigentlich immer verbrennt er sich die Finger dabei, diesmal buchstäblich, tippt das Ganze in seine alte Schreibmaschine (meine Vermutung) und gibt es der Zeit. Die druckt es ab.

Das Gefühl beim Lesen lässt sich schwer beschreiben. Einerseits ist man natürlich angeekelt von derart ungebremster Profitgier und den wahrscheinlichen Implikationen für unsere Ernährungskultur. Andererseits beschwören wir Konsumenten dieses Elend erst herauf indem wir den Schotter kaufen der am wenigsten kostet in der vagen Hoffnung “den Grossen” ihre Megaprofite vorzuenthalten. Die Macht des Kunden, nicht wahr.

Andererseits redet Wallraff in seinem Artikel von kleinen Bäckereien die noch selbst backen und bei denen man lieber kaufen sollte. Sicher, es gibt kleine Bäckereien. Aber bei denen handelt es sich in der Mehrzahl auch nur noch um Aufbäckereien. Richtig selbst backen ist passé, meiner Erfahrung nach. Die Unterschiede liegen eher in der Präsentation. Entweder die Aufbacköfen stehen hinten oder ehrlicherweise vorne im Verkaufsraum. Einen Unterschied macht das nur noch im Kopf des Kunden.

Schlussendlich lässt sich Wallraff über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen profitorientierter Unternehmen aus. Das die zweifellos vorhanden sind bestreite ich keineswegs. Schlussendlich arbeiten die Menschen dort aber freiwillig. Sie lassen sich willentlich versklaven und haben die Entscheidung dazu selbst getroffen. Sie dann als Opfer zu bezeichnen entspricht einfach nicht der Wahrheit.

Sie könnten sich genauso gut zusammen tun, eine kleine Bäckerei aufmachen in ihrem Ort und dort noch richtige Brötchen backen die hervorragend schmecken und von Kunden gern gekauft werden. Machen sie aber nicht. Wahrscheinlicherweise kaufen sie Lidl Brötchen oder die eines Konkurrenten. Weil das billiger ist.

Kommentare

7 Kommentare für “Günter Wallraff gibt uns unser täglich Brötchen”

  1. Watson am 6. Mai 2008 um 14:04 Uhr

    … wenn sie denn backen können und das dazu notwendige Zubehör haben …

  2. Michael von Thueringen am 6. Mai 2008 um 23:35 Uhr

    Kann man lernen, kann man kaufen. Man muss es aber wollen.

  3. Watson am 7. Mai 2008 um 08:29 Uhr

    Ich denke das ist nicht ganz so einfach aus einen “Fliesbandarbeiter” einen freien Unternehmer zu machen. Da gehört dann ein ganz STARKER WILLE und Eigenkapital dazu, beides ist dann wohl meist nicht vorhanden.

  4. Michael von Thueringen am 7. Mai 2008 um 14:12 Uhr

    Bequemlichkeit spielt bei alledem eine herausragende Rolle. Und natürlich auch Information.

    Wem wird in der Schule schon Unternehmertum und Eigenverantwortung beigebracht. Dabei sollten gerade dies Hauptfächer sein.

    Wenn alle Menschen einfach darauf hinarbeiten würden/könnten glücklich mit ihrem Leben zu sein, wären wir schon einen großen Schritt weiter. Aber persönliches Glück wird leider noch als Bonus verkauft, nicht als Ziel.

  5. Watson am 7. Mai 2008 um 16:17 Uhr

    Stimmt.

    Dann könnte man diskutieren, was persönliches Glück ist. Denn sicher sind auch ein paar Brötchenfliesbandarbeiter zufrieden mit ihrem Job.

  6. Eric am 8. Mai 2008 um 08:51 Uhr

    Es hat eben nicht jeder die Bildung und den Willen, aus seinem Leben etwas zu machen. Viele arrangieren sich mit der passiven Arbeiterrolle und sind froh, wenn sie überhaupt einen Job haben. Auf solchen Arbeiter fußt der Lebensstil und der Wohlstand, den wir jetzt haben. Der Großteil der Arbeiterklasse wird im Kapitalismus auf diese Weise unterjocht, damit es andere besser haben.

    Diejenigen, die das System durchschaut haben und Willenskraft und etwas Glück haben, würden sich nie ans Fließband an eine solche Arbeit stellen.

    Wenn ich mir die nachfolgenden Generationen anschaue, um die sich die Eltern kaum kümmern, die mit dem Fernseher allein gelassen werden, bildungsresistent sind und in Ihrem Leben grad mal HARTZ4 oder einen gering bezahlten Job ergattern - dann weiß ich, wer bald dort am Fließband steht.

    Traurig aber wahr

  7. Just Neumann am 9. Mai 2008 um 09:19 Uhr

    Hallo Eric,

    du durchschaust aber auch alles …

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