Ess-Störung
27. März 2007
Es ist niemand zu sehen, als ich das Asia Bistro betrete. Ich stelle meinen Rucksack ab. Die Wachstischdecke kommt mir heute leicht speckig vor.
Plötzlich poltert es im Stockwerk über mir, das Geländer der Wendeltreppe beginnt zu vibrieren und der vietnamesische Koch mit dem Überbiss stapft herunter. Er erkennt mich sofort:
„Einfummsisch?“
„Genau.“
Ich bin fast allein hier. Nur hinten links schmatzt jemand auf gebratenen Nudeln mit Hühnerfleisch. Der Renner unter den Asiagerichten.
Keine fünf Minuten später kommt der Koch mit meinem Leibgericht. Reis mit Hühnerfleisch in einer roten Curry/Kokos Soße und mit viel Gemüse. Scharf.
Er stellt den ovalen Teller so vor mich hin, dass der Reishügel links liegt. Das macht er immer so. In Asien scheint alles anders herum zu sein. Obwohl das bei der Ausrichtung von Reishügeln nicht weiter dramatisch ist, bestehe ich doch darauf, dass dieser sich auf der rechten Seite meines Tellers befindet. Und so drehe ich den Teller um. Dabei entsteht immer ein leises Kratzgeräusch auf der Wachstischdecke. Das hört er. Er hört es immer und ich weiß, dass es ihn brennend interessiert, was es mit meiner Reishügelmanie auf sich hat. Und heute, hat er sich gedacht, macht er mal ein Experiment.
Er setzt sich ein paar Tische weiter und zwar so, dass er mich sehen kann. Als ich hoch schaue, erwische ich ihn dabei wie er mich beobachtet. Besonders geschickt ist er nicht. In diesem Moment verstehe ich, wie sich Frauen fühlen müssen.
Ich schaue wieder runter, fange an zu essen, spüre aber gleichzeitig seinen wissenschaftlich neugierigen Blick. Er stiert regelrecht. Es fasziniert ihn, wie ich mit dem umgehe was er gemacht hat.
Und da passiert es. Ich kann nicht weiter essen. Der Druck seiner Neugier ist derart stark, dass ich ihn nicht ignorieren kann. Es ist wie auf der Herrentoilette. Wenn jemand fremdes zusieht, geht es nicht. Das kann sehr peinlich werden, weil die meisten unter diesem Phänomen leiden und dann steht man dort und wartet auf das Strullgeräusch des anderen, aber es kommt nicht. Das eigene auch nicht und so denkt man nach über einen Ausweg aus dieser Situation. Irgendwann wird es einfach zu blöd und man geht wieder. Bringt ja nix.
Ich will aber nicht gehen. Ich habe Hunger!
Es hilft nichts. Ich muss mich ablenken. Dazu krame ich in meinem Rucksack und schaue auf mein Handy. Dann hole ich mein Notizbuch raus und schreibe was rein. Irgendwas. Kurzer Schluck Apfelschorle, nachdenklichen Blick aufsetzen. Zeit schinden. Mann, riecht das Essen gut.
Ich entschließe mich, es noch mal zu versuchen. Irgendwie muss das gehen. Ist doch vollkommen egal, ob jemand zuschaut. Ich stelle mir vor, der Koch sei eine Fernsehkamera und das macht es leichter. Komisch. Potenzielle, aber faktisch unsichtbare Zuschauer sind nicht so schlimm, wie tatsächlich anwesende.
Endlich die Erlösung. Der Typ mit den Bratnudeln will zahlen. Der Koch steht auf und ich kann endlich essen.
Gott sei Dank!





Also mir gefällt der Text sehr gut. Fast besser als Instant Gratification, was mMn dein bisher bester war. Vorallem hab ich jetzt echt Lust auf asiatische Küche.