Es war einmal in Amerika…
21. März 2006
Kennen Sie das? Ein dumpfer Schmerz in der Magengegend, der dann langsam nach unten rechts wandert, Sie fühlen sich wie aufgebläht, bekommen Krämpfe, gehen zum Arzt und der sagt: “Tja, mein Lieber. Das ist der Blinddarm und der muss raus. Sofort.”
Genau das ist mir passiert, vor ein paar Wochen und eine neue Welt tat sich vor mir auf: Dass amerikanische Gesundheitssystem.
Ich war gespannt, natürlich. Keine Ahnung wie es sein würde. Bisher war ich nur einmal im Krankenhaus, als Kind, 1979. Toll ist es nicht gewesen und die Narbe die übrig blieb ist, im Vergleich zur Schwere des chirurgischen Eingriffs, überdimensioniert.
In der Hoffnung, dass das nicht wieder passieren würde, checkte ich im hiesigen Spital ein. Als erstes wurde ich registriert und bekam ein Papierarmband mit meinem Namen, wirren Zahlen und einem Strichcode drauf, damit ich nicht verloren ging. Dann wurde ich in den Emergency Room geführt, erhielt den unvermeidlichen Krankenhauskittel (hinten offen) UND eine aufgepasst(!) in der Mikrowelle aufgewärmte Decke, damit ich nicht fror. Wow! Das ist wie warme Nüsse in der Business Class, nur viel angenehmer.
Da der Doktor nicht sofort kommen konnte, um mich zu sehen, wurde mir die zweite angenehme Überraschung des Tages zuteil. Eine Schwester kam herein und verabreichte mir freundlich lächelnd Demerol, intravenös. Das ist wie Marihuana, nur zehnmal so hart. Ich sage Ihnen, es gibt nichts schöneres, als sich nachmittags um drei mal für ‘ne halbe Stunde wegspritzen zu lassen. Man sieht bunte Bilder, die Sorgen verblassen, alles ist friedlich und das Warten wird zur Wohltat.
Als ich wieder klar wurde, kam der Doktor, drückte mich gezielt da, wo es am meisten weh tat, nickte weise und begann mich einzuweihen in die Agenda der darauf folgenden Stunden: Bluttest, Urintest, Röntgen. Wenn dann immer noch alles auf Blinddarm hindeutete, sagte er, würde operiert. “Noch heute Abend.”
Die Tests waren allesamt positiv und ich wurde in die OP-Vorbereitungsabteilung gerollt. Dort beantwortete ich, leicht lallend, circa 80 Fragen über meine Gesundheitsgeschichte und die meiner Ahnen, bis der Anästhesist eintraf und mir noch mehr Turbo-Drogen zur sofortigen Kenntnisnahme in die Blutbahn schoss. Fantastisch! Allein dafür würde ich wiederkommen. Meine Frau sagt, ich sei kurzfristig sehr lustig gewesen, wollte mindestens zehn Abschiedsküsse und hätte was auf Deutsch gefaselt. Kann sein.
Das nächste woran ich mich erinnern kann ist ein Krankenzimmer, das ich ganz für mich allein hatte. Das Licht war gedimmt worden, draußen war es Nacht, die Skyline der Innenstadt glitzerte in der Ferne. Der Fernseher lief, eine Talkshow, David Letterman. In meinem Schoß lag die Fernbedienung und mein Lieblingsbuch. Ich war im Himmel, ganz ohne Zweifel.
Die Schwester, die kurze Zeit später zu mir kam, sagte ich solle recht bald “ambulieren”. Nur gut, dass ich ein paar Fremdworte kenne. Sie meinte ich solle aufstehen und herumlaufen. Als ich wissen wollte was es auf sich hatte mit der Eile, sagte sie, dass ich am Nachmittag eh würde laufen müssen, denn dann könne ich nach Hause gehen.
Wie nach Hause? Jetzt schon?
Ja klar, das sei normal bei Blinddarm OPs.
Aha. Na ja, wenn sie das sagt.
Ich ging tatsächlich nach Hause und wenige Tage später war ich wieder voll auf. Dann kam die Rechnung vom Krankenhaus. Nach der kurzen aber deftigen Lektüre wollte ich nur eins: Noch so eine Spritze. Bitte, bitte!






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