Es war einmal in Amerika, IV

30. April 2007

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foto: kerplunk whoops

Infernalisch laut bruellt der Hypnotiseur ueber die Lautsprecher und die Leute im Saal schreien zurueck und applaudieren, wie er sie so hochputscht. Staendig benutzt er Schimpfwoerter wie “Fuck” und so und die Leute, die sonst nie so reden duerfen, draussen in der politisch korrekten Welt, lachen jetzt aus voller Kehle.

Der Hypnotiseur spricht ein paar eingehende Worte ueber Hypnose im Allgemeinen, beruhigt alle Unschluessigen, weil ja auch rein gar nichts passieren kann und bittet dann Freiwillige auf die Buehne zu kommen. Zwoelf sind es. Maenner, Frauen, jung, alt. Alles dabei.

Dann sagt er, dass er jetzt fuenf Minuten unbedingte Ruhe benoetige. Kein Fluestern, kein Raeuspern, keine Funktelefone.
Sphärische Musik wird eingespielt. Also diese Synthesizergeschichte mit Stereoeffekten, die fuer sich genommen schon eine gewisse Benommenheit erzeugen.

Der Hypnotiseur braucht tatsaechlich nur ganz kurze Zeit, um die meisten der Freiwilligen zu hypnotisieren. Im Prinzip sagt er nichts anderes als: Ihr werdet muede und entspannt. Aber er sagt es wieder und wieder mit anderen Worten.
Bei manchen klappt es nicht und die schickt er wieder runter auf ihre Plaetze. Selbst im Publikum werden ein paar hypnotisiert und das kann man daran erkennen, dass sie die Arme heben, weil der Hypnotiseur das so befohlen hat.

Ploetzlich sehe ich, wie bei einem fetten Mann, der in der Reihe vor mir sitzt, die Haende in die Hoehe steigen. Aha!
Die Assistentin des Hypnotiseurs kommt von der Buehne herunter, laeuft zu ihm hin, sagt gar nichts, nimmt ihn nur zaertlich an der Hand und mit, hoch, ins Rampenlicht. Er trottet hinterdrein.

Die Dinge, die der Hypnotiseur dann mit den Leuten auf der Buehne macht, koennen eigentlich allesamt in der Rubrik “unterdrueckte Sexualitaet” eingeordnet werden. Er laesst Muschis hochpeinliche Geheimnisse ueber ihre Besitzerinnen ausplaudern, welche natuerlich sofort damit beginnen ihre eigenen Geschlechtsteile zu beschimpfen und zum Schweigen aufzufordern. Dann laesst er die Maenner glauben, sie seien Pornostars in einem X-rated Film und… na ja, man kann es nicht anders sagen… er laesst sie einen Stuhl begatten, von dem die Maenner glauben, er sei ihre Filmpartnerin.
Das Publikum bruellt vor Begeisterung.

Der Hoehe- und gleichzeitig Schlusspunkt der Show ist eine Suggestion, in der er den Hypnotisierten erklaert, dass sie einen gigantischen Orgasmus erleben werden, just in dem Moment, in dem er sie am Handgelenk beruehrt.

Oh, wie sie keuchen, einer nach dem anderen. Sie winden sich, sie schreien. Es muss goettlich sein. Und sie hoeren wirklich nicht auf, bis er das Handgelenk wieder loslaesst. Vielleicht sollte ich mich auch mal hypnotisieren lassen.

Interessanterweise fassen sich die orgasmierenden zuweilen an ihre “private parts” und da, man glaubt das gar nicht, scheint es in dieser Show doch einen Grenze zu geben. Denn in solchen Momenten ist der Hypnotiseur blitzschnell zur Stelle und platziert die Haende, die ja nur das allzu normale tun, in eine weniger auffaellige Position.
Political Correctness? Weil eine Kamera läuft? Vorgaben des Veranstalters? Man weiss es nicht.

Die Show ist vorbei. Wir verlassen den Saal. Vor mir laeuft der Dicke, der sich eben noch mit einem Stuhl vergnuegt hat. Er erinnert sich an nichts. Noch nicht. Erst morgen Abend um sechs, auf dem Heimweg von der Arbeit, wird ihm alles schlagartig bewusst werden. Das hat der Hypnotiseur so festgelegt.

Kommentare

3 Kommentare für “Es war einmal in Amerika, IV”

  1. Eric am 1. Mai 2007 um 10:23 Uhr

    Ich finde diese durchs Land tingelnden Hypnotiseure unverantwortlich. Es sollte allen, die Menschen auf diese Weise erniedrigen, so gehen wie dem Gaukler Cavaliere Cipolla in Thomas Manns “Mario und der Zauberer”.

  2. micha am 3. Mai 2007 um 15:47 Uhr

    Ich meine, die Leute wollen das doch. Mit diesen Shows wird doch die menschliche Neugier befriedigt. Wenns nicht so wäre, würde doch niemand hingehen.

  3. Eric am 4. Mai 2007 um 06:35 Uhr

    Das was der Pöbel will und das was ethisch vertretbar ist, ist meistens nicht dasselbe ;-)

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