Erfurt

12. Januar 2007

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Dieser Murakami ist ja ein Hammer.

Ich stehe im Hugendubel Erfurt, English Books Abteilung, völlig perplex. In meiner Hand „Norwegian Wood“. Nur eine Seite habe ich gelesen, die erste, und es kann keinen Zweifel geben: Dieser Mann wird einen Nobelpreis bekommen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich das was er schreibt, so oder so ähnlich selbst erlebt habe. Vielleicht liegt es aber auch an seiner Art zu formulieren. Es ist als ob man in das Buch hinein gesaugt würde. Literarische Hypnose.

Ich frage eine Buchverkäuferin, ob es in der Nähe ein gemütliches Café gebe. Sie beschreibt eines, in einer Seitengasse um die Ecke. Den Namen habe ich vergessen, kurz nachdem sie ihn ausgesprochen hat.

Seitengasse stimmt, gemütlich nicht. Es ist ein Rentner-Café, Neo-Jugendstil, kein Gast unter 60. Das Adjektiv „verraucht“ gewinnt hier eine ganz neue Dimension. Obwohl mich der Rauch in Cafés sonst nicht stört. Hier ist er penetrant.

Trotzdem setze ich mich. Draußen bläst ein kühler Wind und ich habe keine Lust durch die Stadt zu irren.

Später gehe ich zum Dom. Wer den Erfurter Dom besuchen will, sollte an einem Wochentag kommen, am besten zur Mittagszeit und bei asigem Wetter. Also an einem Tag wie heute.

Nicht dass Kirchen es mir angetan hätten, aber dieser Dom ist gewaltig. Ich habe gelesen, dass der Unterschied zwischen einem Dom und einer Kirche ein rein hierarchischer sei. Dome gibt es formal nur in Bischhofsstädten. In Wahrheit wird diese Regel aber nicht mehr so ernst genommen.

Der Erfurter Dom ist viele hundert Jahre alt. Das kann man in allerhand Faltblättern und Büchern lesen. Aber das ist langweilig. Echte Zeitzeugen sind Kirchenbänke. Besonders jene auf denen die wichtigen Leute gesessen haben, denn die konnten lesen und schreiben.

Ich vermute die Predigten waren früher genauso langweilig wie heute und da musste man sich halt beschäftigen. Gameboys gab es nicht, Zeitungen auch nicht, also schnitzte man. Gleich dort in die Lehne des eigenen Stuhles. Eine historische Variante der modernen Klowandkunst sozusagen. Glücklicherweise hinterließen einige Schnitzer auch Jahreszahlen und diese sind beachtlich. 1508 zum Beispiel.

Allzu gern würde ich einen solchen Menschen treffen, in ansehen, ihm zuschauen, mit ihm reden. Nur riechen möchte ich ihn nicht. Körperpflege war damals noch optional, Deos nicht erfunden. Keine gute Kombination.

Mittlerweile ist es Viertel nach acht abends und ich sitze im Café FAM in der Erfurter Innenstadt, nahe dem Rathaus. Der kühle Wind vom Morgen tobt jetzt als Orkan mit Windstärke 9.

Drinnen ist es schön warm. Ich befinde mich inmitten zwanzigjähriger Mädchen, die ab und zu rüber schauen. Nicht wegen mir, sondern weil sie, wie alle Frauen, hyperneugierig sind und wissen wollen mit welchem Inhalt ich die Seiten meines Edelnotizbuches fülle.

Eigentlich wäre das ein schöner Aufhänger für ein Gespräch, aber das trauen sie sich dann doch nicht. Politisch korrekt ist dies nun mal mein Job. Ob das irgendwann einmal anders wird?

Übrigens: Auch in Erfurt werden die Bürgersteige hochgeklappt. Landeshauptstadt hin oder her.

Ich gehe jetzt wieder ins Hotel. Oder vielleicht auch nicht…? Die Mädels schauen so nett.

Kommentare

4 Kommentare für “Erfurt”

  1. Sven am 12. Januar 2007 um 20:11 Uhr

    “Übrigens: Auch in Erfurt werden die Bürgersteige hochgeklappt. Landeshauptstadt hin oder her.”

    wir sind ja hier schließlich im waldigen herz deutschlands, wo sich fuchs und hase “gute nacht” sagen :o)

  2. Just Neumann am 12. Januar 2007 um 21:00 Uhr

    “Literarische Hypnose”

    Das interessiert natürlich und sogar mich!

    Also ohne Spaß: Mich würde schon interessieren, was du da entdeckt hast. Kannst du mich etwas genauer informieren?
    Wenn ich´s richtig begriffen habe - das Buch ist englisch geschrieben?
    Vielleicht weißt du trotzdem einen Rat ….

  3. Lorenz am 12. Januar 2007 um 21:34 Uhr

    Haruki Murakami ist wirklich genial. Ich hab jetzt ein paar Bücher gelesen, “Norwegian Wood” ( für Just, das Buch heißt auf deutsch “Naokos Lächeln” ) zählt zu meinen absoluten Lieblingsbüchern, dass hat mich teilweise so gerührt, dass ich weinen musste. “Kafka am Strand” ist bei uns ja am bekanntesten, auch ein Spitzenbuch. Wer Murakami nicht kennt, sollte ihn unbedingt lesen.
    Der Mann muss den Nobelpreis bekommen, sonst wärs komisch.

  4. Just Neumann am 14. Januar 2007 um 15:53 Uhr

    Danke - Lorenz …

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