Das Wahrzeichen

27. August 2006

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Auf Anfrage mehrerer Hörer von Radio-G und Leser dieses Blogs nach einer objektiven Meinung zum Abriss der 3 Essen, werde ich mich nun zu diesem Thema äußern und es zur Diskussion stellen. Mann, klingt das wichtig!

Allerdings eine Warnung vorweg: Mein Standpunkt ist alles andere als objektiv. Er ist sogar extrem subjektiv und gleich werdet ihr erfahren warum.

Für alle Nichtgeraer: Die „drei Essen“ sind 3 Schornsteine im Norden Geras, direkt an der Autobahn A4. Sie gehören zu einem ehemaligen Kohle-Heizkraftwerk, welches mittlerweile durch ein Ölbefeuertes Heizwerk ersetzt wurde. Jetzt stellt sich die Frage, ob die alten Schornsteine abgerissen werden sollen oder nicht.

Warum ist das so umstritten? Viele Geraer sehen die 3 hohen und von weitem sichtbaren Schornsteine als ein Wahrzeichen der Stadt, das sie ungern verlieren möchten. Die Gegenpartei argumentiert damit, dass die Schornsteine nur dastehen, nicht genutzt werden und Geld kosten.

Hier mein Versuch zu einer objektiven Meinung: Beide Parteien haben recht. Das mit dem Wahrzeichen stimmt und das mit der Nichtnutzung auch.

Und jetzt meine subjektive Meinung:
Ich kann das Argument des Wahrzeichens nachvollziehen, aber es entspricht nicht mehr unserer Zeit. Schornsteine stehen für eine Industriestadt. Gera ist de facto keine Industriestadt mehr und ich bin ehrlicherweise dagegen sie wieder zu einer solchen zu machen.

Was viele (die meisten) Menschen nicht begreifen, ist das dass Industriezeitalter an sich zu Ende geht. Jetzt noch auf eine Industrialisierung im großen Stil zu setzen ist so als ob man noch mit dem Rechenschieber rechnen wollte, weil er so schön aussieht und einen an die alte Zeit erinnert.

Ich habe nichts gegen Nostalgie, aber sie sollte nicht zur Treibkraft einer ganzen Stadt werden. Die drei Essen halten Gera symbolisch in der alten Zeit fest und das bremst die kreative Kraft, die für einen Neuaufbau und das Leben in der neuen Zeit gebraucht wird.

Aus diesem Grund plädiere ich für den Abriss.

Aber! Die Schornsteine als Baustrukturen könnten sich hervorragend eignen zur Umwandlung in etwas anderes. Klettertürme fallen mir zuerst ein. Bungee-Jumping als nächstes. Es gibt viele Ideen die in unsere Zeit passen und wenn man die umsetzen würde, wäre ich dafür die Essen stehen zu lassen, denn dann stehen sie nicht mehr für die Vergangenheit, sondern zumindest für die Gegenwart oder vielleicht sogar für die Zukunft.

Die Grundlage meiner Argumentation ist also eigentlich eine spirituell/philosophische. Ich kann in der Gegenwart nicht kreativ funktionieren, wenn ich ständig an die Vergangenheit denke und mich gedanklich dorthin zurück versetze.

Der einzige Zeitpunkt für unser Eingreifen in das Geschehen ist hier und jetzt. Die Auswirkungen sehen wir in der Zukunft. Dort geht die Reise hin und ich freu mich drauf.

Kommentare

8 Kommentare für “Das Wahrzeichen”

  1. Johannes am 27. August 2006 um 16:59 Uhr

    Interessante Ansicht. In die ähnliche Richtung tendiere ich auch.
    Ob man die “Drei” als Wahrzeichen bezeichnen sollte mag ich zu bezweifeln, aber zumindest stellen Sie einen großen Wiedererkennungswert für Gera dar. Aus diesem Grund wäre es schon nicht schlecht die drei Essen zu erhalten. Bekannt ist aber auch, dass dies viele Gelder verschwenden würde, die an anderer Stelle besser angelegt wären.
    Es gilt einen Kompromiss zu finden. Doch genau an dieser Stelle fehlt mir die Bereitschaft der Stadt. Soweit ich informiert bin gab es schon mehrer Vorstellungen, wie diese Essen weiter genutzt werden können. Meiner Meinung nach wurde hier zu wenig verhandelt bzw. über diese Vorstellungen gesprochen. Ich habe das Interesse von der Seite der Stadt vermisst.
    Höchstwahrscheinlich ist sowieso alles zu spät, denn der Stadtratsbeschluss zum Abriss ist wohl schon durch.

  2. ReneS am 27. August 2006 um 17:29 Uhr

    Schornsteine haben keinen Nutzwert jenseits ihrer Bestimmung. Ein Wahrzeichen wie der Penis Jenensis lässt sich ja noch vernünftig nutzen, aber Bungeetürme oder Klettertürme spielen das Geld nie ein.

    Selbst wenn die Kohle wieder modern wird, und das sage ich hiermit mal vorraus, werden moderne Kohlekraftwerke keine hohen Essen mehr brauchen, dank der Abgasreinigung.

  3. Thomas Gerber am 27. August 2006 um 23:05 Uhr

    Auf jeden Fall bewegt das Thema sehr viel Geraer…
    Das Beste wäre doch, wenn der neu gewählte OB sein Wort hält und sich für den Erhalt der drei Essen einsetzt, wenn es in der Bevölkerung eine Mehrheit gibt.

    Ob es eine Mehrheit gibt, kann man sehr leicht mit einer repräsentativen Umfrage rausbekommen. Ich - als Befürworter des Erhaltes - habe keine Angst vor dem Ergebnis.

    Gruß
    Thomas Gerber

  4. Johannes am 27. August 2006 um 23:10 Uhr

    Tja, unser OB muss diesen Stadtratsbeschluss damals aber mitgetragen haben. Meiner Meinung nach ist so etwas auch nicht so einfach umkehrbar. Viel sinnvoller wäre doch ein Bürgerentscheid gewesen (Ich denke/hoffe das dies in Thüringen geht).

  5. Claus-Peter Kotulla am 30. August 2006 um 17:20 Uhr

    Das kenne ich schon aus dem Westen. Ich war 8 Jahre dort (Studium) und Vollzeit in einem Betrieb der Schwerindustrie. Die haben dort auch viele Zechen absaufen lassen und Kokereien und Stahlwerke abgerissen, weil Importstahl billiger war. Jetzt hat der Betrieb vor einigen Wochen wegen Stahlmangel dicht gemacht.
    Deshalb alles Abreisen und Deutschland gemäß Morgenthau II wieder zum Agrastaat umbauen.
    Energie bekommen wir doch günstig aus der CZ. Da die Wismut in CZ 100% aktiv ist und dort selber Uran günstig für Ihre AKWs anreichert, exportieren Sie 60% Ihrer Energie nach Westeuropa!

  6. Dr. Ede am 10. September 2006 um 17:32 Uhr

    Die Geschichte der 3 Essen oder besser die Diskussion über ihre Zukunft ist exemplarisch für das Stimmungsbild der Geraer Gesellschaft. Verschiedene Aspekte bestimmen die vorherrschende Diskussion. Gemeinsamer Nenner der Abrissgegner ist immer wieder die wage Formulierung des “Wahrzeichens”, welches es um jeden Preis zu erhalten gilt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sich dahinter die Angst vor Veränderung, vor der Zukunft verbirgt. Der Glaube an den Fortschritt ist in unserer Region nicht sonderlich ausgeprägt. Neue Impulse, Ungewohntes, werden besonders kritisch betrachtet. Die Ursachen hierfür liegen vermutlich in den negativen Erfahrungen einhergehend mit dem Zerfall der DDR und der Umstrukturierung der Gesellschaft . Welche Möglichkeiten sich für den Einzelnen in dieser heutzutage ergeben ist vielen Fremd. Schlussfolgernd,ebenfalss spirituell philosophisch formuliert, das permanente Festhalten am Alten blockiert die Gedanken an Neues. Aber irgendwie sind sie ja auch ästhetisch unsere 3…………..

  7. Lars Stettfeld am 14. Februar 2007 um 10:13 Uhr

    Interessant! Ich bin an Gera vorbeigefahren. Ich habe die drei Türme gesehen und ich bin von der Autobahn abgefahren um mir Gera mal anzusehen. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen! Sehr viele, teils liebevoll restaurierte Gebäude. Interessante Strassenbilders (z.B. Die Friedrich-Engels-Straße gehört meines Erachtes komplett unter Denkmalschutz), gut umgestaltete Plattensiedlungen in Lusan und Schritte in die Moderne am Banhof und in den Zufahrten. Ich bin einen Tag später weitergefahren nach München. Zur BUGA komme ich gerne noch mal wieder. Ich würde mir wünschen da die drei Türme dann weg sind. Sie sind einfach nicht schön. Sie haben mir etwas versprochen, was die Stadt nicht gehalten hat. Gott sei Dank! Gera hat viel mehr zu bieten als man vermutet. Die Schornsteine stehen für das was man fälschlich vermutet. Tut Euch einen Gefallen - findet ein anderes Wahrzeichen und reisst die wirklich hässlichen Essen ab. LG aus München

  8. Wahrzeichen erhalten am 27. März 2008 um 13:24 Uhr

    Hallo!
    Ich bin ‘86 in Gera geboren und habe fast 20 Jahre in Langenberg gewohnt!
    Ich bin also noch sehr jung und habe den Bau nicht miterlebt und kenne das HKW auch nicht. Aber ich dafür aus unseren 3 Essen doch etwas zu machen.
    Schon als Kind wurden mir die Essen als Wahrzeichen präsentiert und genauso sehe ich sie auch heute noch! Sie stehen für eine Zeit, die zwar vergangen ist, aber doch deutlich besser war als heute. Eine Zeit des Aufbaus und der Technik.
    Die Schornsteine gehören einfach zu Gera. So wie das Chemiewerk zu Köstritz gehört…
    Ich war schon immer fasziniert (bin es auch noch) und habe nie (!) weggesehen, wenn ich an den Essen vorbeikam! Von der Autobahn aus sah ich sie von weitem und wusste ich bin gleich zu Hause! Ich habe immer meine Heimat damit verbunden!!!
    Sie haben uns doch schon die Ronneburger Kegel genommen und jetzt wollen sie auch noch die Essen nehmen… Das geht zu weit.
    Ich bin auch nicht dafür. dass man an Altem festhält. Aber es gibt schlimmer aussehende Bauten in Gera. Man muss nur wissen wo…
    Da ich nicht mehr in Gera wohne sehe ich die Essen nicht mehr tägliich, aber ich freue mich jedes Mal, wenn ich in meine Heimat komme, sie zu sehen.
    Ich bin sehr traurig wenn ich daran denke, dass sie eines Tages nicht mehr da sind, wenn ich “heim” komme.
    “Findet ein anderes Wahrzeichen…”
    So ein Spruch kann doch nur von jemandem kommen, der nicht aus Gera stammt und auch nicht aus der Ecke, wo ich herkomme! Ich als Rand-Gersche war immer stolz ein solches gersches Bauwerk dort zu sehen, wo es nicht im Schatten von den Sehenswürdigkeiten steht. Wenn mich jemand fragt was mir in/an Gera am Besten gefällt kenne ich meine Antwort: unser Wahrzeichen! Unsere drei Essen!
    In diesem Sinn! Macht bitte etwas draus und rettet unsere Drei bitte noch!

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