Angriff der Mormonen

8. September 2006

„Ein großes Schwarzbier und ein Zigeunerschnitzel bitte.“
„Das Bier groß?“
„Ja groß. Richtig groß!“

Die Woche war hart. Ich belohne mich. Heute gibt es das volle Programm. Essen gehen, shoppen gehen, trinken gehen. Weg mit dem Geld.

Das Essen gibt es im Podium, Geras Anziehungspunkt Nummer eins für Touristen und Stadtprominenz. Wenn ich ein gutes Schnitzel will, gehe ich hier hin. Der Laden ist groß, anonym und unübersichtlich. Aber man hat einen schönen Blick auf die Fußgängerzone.

Dort schaue ich hin und traue meinen Augen nicht. Mindestens fünf der sonst eher passiven Mormonen-Missionare betreiben Powermarketing in Reinstform. Pickelgesichtig wie eh und je, liebenswert aussehend und uniformiert mit Rucksäcken und Namensschildchen sprechen Sie fast alles an was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen kann.

Ich habe keine Ahnung was sie sagen, aber sie werden mit der ganzen Palette menschlicher Reaktionen konfrontiert: Ignoranz, abwehrende Handbewegungen, böse Blicke und sogar den ein oder anderen Wutausbruch.

Diese armen Teufel, denke ich. Sie haben keine Ahnung. Achtzehn sind sie, vielleicht 19, Amerikaner zumeist, viele direkt aus Utah. Aufgewachsen im Schoße ihrer Religion, ihrer Großfamilien und einer Gegend wie sie schöner fast nicht sein kann.

Dann hat man ihnen gesagt, dass Gott sie braucht und überhaupt alle. Sie bekamen einen schicken Anzug, einen Deutsch-Crashkurs und ab ging es, auf Mission für zwei Jahre, ins Land er Ungläubigen.

Sie glauben was man ihnen sagt, sie denken noch nicht in großen Zusammenhängen und jetzt stehen sie hier, auf einer deutschen Flaniermeile am Freitag nachmittag, und verstehen die Welt nicht mehr. Es wird noch mindestens zehn Jahre dauern bis sie all das begreifen. Eher länger.

In der Zwischenzeit reden sie und reden sie, genau wie im Training. Es funktioniert auch manchmal und Leute bleiben stehen. Oft ältere. Bei den hübschen Jungs auch schon mal Mädchen. Wenn die wüssten.

Sogar eine Missionarin gibt es. Irische Abstammung würde ich sagen. Hübsche rote Locken und ein Stirnrunzeln das sagt: Wag es ja nicht!

Vielleicht sollte ich mich von ihr mal ansprechen lassen und alsbald in die Offensive gehen. Also ich finde das alles ganz toll was du erzählst. Wollen wir das nicht bei einem Glas Wein besprechen? Ich hab auch ein Bärenfell vor meinem Kamin.
Dort kannst du mir ja aus deiner Bibel vorlesen. Die Stelle mit Adam und dem Apfel finde ich besonders – wie soll ich sagen – göttlich.

Kommentare

4 Kommentare für “Angriff der Mormonen”

  1. ReneS am 9. September 2006 um 04:21 Uhr

    Bärenfell? Zieht sowas heute noch bei den Frauen?

  2. Eric am 9. September 2006 um 09:46 Uhr

    Im Podium gibts wirklich leckeres Schnitzel und vor allem: riesengroß!

  3. michael am 9. September 2006 um 11:01 Uhr

    @Rene
    Bei “geneigten” Hörerinnen vielleicht schon.

    @Eric
    …das, und sie sind zart und man muss kein fett wegschneiden.

  4. CP Kotulla am 9. September 2006 um 16:46 Uhr

    Ein privates Treffen mit Mormonen wird kaum möglich werden. Es ist Mormonen grundsätzlich in der Missionszeit 19-21 Jahre nicht erlaubt ohne Begleitung sich zu Treffen. Es gibt keine Freizeit, kein TV oder Telefon, usw. und das ganze muss selbst finaziert werden. Für manche Missionare gibt es einen kleinen Zuschuß. Ich kenne mich durch meine Zeit in Canada/ USA mit den Mormonen und Watchtower gut aus. Dafür werden Sie nach der Mission aber das Leben genissen ;-)! Offiziell leben Sie seit 1890 monogam, aber praktisch sieht dies anders aus.

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