Kyrill
18. Januar 2007

“Orkan Erfurt” ist das meist gesuchte Keyword heute abend. In der Stadt machen die Läden zu oder schicken einen Teil ihrer Mitarbeiter nach Hause. Zu wenig los.
Es ist warm. In der City kaum Menschen. Zum ersten mal seit Monaten kann ich in den T-Punkt gehen und sofort dran sein. Im Elektronikmarkt hat immer nur eine Kasse auf, aber heute ist das egal.
Was mich am meisten erstaunt ist, dass Menschen offenkundig prophylaktisch zu Hause bleiben, der Wetterwarnung wegen. Das hab ich noch nie erlebt. Sie nehmen das Wetter ernst und ich glaube daran müssen wir uns gewöhnen.
Das Licht flackert, der Wind heult, die Fenster vibrieren, spitzer Regen prasselt auf die Scheiben wie kleine Metallspäne.
Komische Stimmung. Gleich kommt Hans Albers im nassen Gummimantel um die Ecke und ächzt: “Los raus min Jung! Dat sieht böse aus!” Bei “raus” rollt er das R.
photo: Bien Stephenson
Radio-G Skypecast
17. Januar 2007

Heute Abend (17.01.2006) um 20.15 Uhr findet der erste Radio-G Skypecast statt. Er wird 2 Stunden dauern.
Dies ist eine Talkrunde auf Skype. Wenn ihr auf diesen Link klickt, gelangt ihr auf die Webseite dieses Skypecasts. Dort müsst ihr dann nur noch auf “Join this Skypecast” oder die deutschsprachige Variante “An diesem Podcast teilnehmen” drücken und schon seid ihr dabei.
Vorraussetzung ist Skype-Version 2.5 oder höher.
Viel Spass!
Homo literatus internensis
16. Januar 2007

Wer sich für Literatur interessiert, aber muffige Bibliotheken hasst, möge doch bitte mal hier entlang schauen.
Das Literatur-Cafe öffnete vor nunmehr 11 Jahren seine Internet-Filiale und wirbt fortwährend um die Gunst der Leser.
Manchmal mit leicht angeschmuddeltem Content (siehe unten), aber sonst ganz groß!
Downtown
15. Januar 2007
Manchmal lohnt sich Treppensteigen. Dieses Bild habe ich gestern von der Aussichtsplattform unseres Rathausturms geschossen. Von dort oben könnte man glatt mal einen Podcast machen, oder gleich einen Film.
Marktlücke: Putzfrauen-Bringdienst
14. Januar 2007

Zitat aus dem Film Apollo 13:
Marilyn Lovell: “I can’t deal with cleaning up. Let’s sell the house.”
Podcast Nummer 69
14. Januar 2007

Heute geht es um Otto Dix.
Ich spreche mit dem Kurator des Dix-Hauses in Gera, Herrn Holger Saupe, über diesen großen Expressionisten.
Music:
Mario Ajero - Sonata in e-flat major, movement 3 by Joseph Haydn
Erfurt
12. Januar 2007

Dieser Murakami ist ja ein Hammer.
Ich stehe im Hugendubel Erfurt, English Books Abteilung, völlig perplex. In meiner Hand „Norwegian Wood“. Nur eine Seite habe ich gelesen, die erste, und es kann keinen Zweifel geben: Dieser Mann wird einen Nobelpreis bekommen.
Vielleicht liegt es daran, dass ich das was er schreibt, so oder so ähnlich selbst erlebt habe. Vielleicht liegt es aber auch an seiner Art zu formulieren. Es ist als ob man in das Buch hinein gesaugt würde. Literarische Hypnose.
Ich frage eine Buchverkäuferin, ob es in der Nähe ein gemütliches Café gebe. Sie beschreibt eines, in einer Seitengasse um die Ecke. Den Namen habe ich vergessen, kurz nachdem sie ihn ausgesprochen hat.
Seitengasse stimmt, gemütlich nicht. Es ist ein Rentner-Café, Neo-Jugendstil, kein Gast unter 60. Das Adjektiv „verraucht“ gewinnt hier eine ganz neue Dimension. Obwohl mich der Rauch in Cafés sonst nicht stört. Hier ist er penetrant.
Trotzdem setze ich mich. Draußen bläst ein kühler Wind und ich habe keine Lust durch die Stadt zu irren.
Später gehe ich zum Dom. Wer den Erfurter Dom besuchen will, sollte an einem Wochentag kommen, am besten zur Mittagszeit und bei asigem Wetter. Also an einem Tag wie heute.
Nicht dass Kirchen es mir angetan hätten, aber dieser Dom ist gewaltig. Ich habe gelesen, dass der Unterschied zwischen einem Dom und einer Kirche ein rein hierarchischer sei. Dome gibt es formal nur in Bischhofsstädten. In Wahrheit wird diese Regel aber nicht mehr so ernst genommen.
Der Erfurter Dom ist viele hundert Jahre alt. Das kann man in allerhand Faltblättern und Büchern lesen. Aber das ist langweilig. Echte Zeitzeugen sind Kirchenbänke. Besonders jene auf denen die wichtigen Leute gesessen haben, denn die konnten lesen und schreiben.
Ich vermute die Predigten waren früher genauso langweilig wie heute und da musste man sich halt beschäftigen. Gameboys gab es nicht, Zeitungen auch nicht, also schnitzte man. Gleich dort in die Lehne des eigenen Stuhles. Eine historische Variante der modernen Klowandkunst sozusagen. Glücklicherweise hinterließen einige Schnitzer auch Jahreszahlen und diese sind beachtlich. 1508 zum Beispiel.
Allzu gern würde ich einen solchen Menschen treffen, in ansehen, ihm zuschauen, mit ihm reden. Nur riechen möchte ich ihn nicht. Körperpflege war damals noch optional, Deos nicht erfunden. Keine gute Kombination.
Mittlerweile ist es Viertel nach acht abends und ich sitze im Café FAM in der Erfurter Innenstadt, nahe dem Rathaus. Der kühle Wind vom Morgen tobt jetzt als Orkan mit Windstärke 9.
Drinnen ist es schön warm. Ich befinde mich inmitten zwanzigjähriger Mädchen, die ab und zu rüber schauen. Nicht wegen mir, sondern weil sie, wie alle Frauen, hyperneugierig sind und wissen wollen mit welchem Inhalt ich die Seiten meines Edelnotizbuches fülle.
Eigentlich wäre das ein schöner Aufhänger für ein Gespräch, aber das trauen sie sich dann doch nicht. Politisch korrekt ist dies nun mal mein Job. Ob das irgendwann einmal anders wird?
Übrigens: Auch in Erfurt werden die Bürgersteige hochgeklappt. Landeshauptstadt hin oder her.
Ich gehe jetzt wieder ins Hotel. Oder vielleicht auch nicht…? Die Mädels schauen so nett.
Gala
10. Januar 2007

(Steigt auf Bühne)
(Fanfare)
(starker Applaus)
(Tritt an Pult)
„Guten Abend!“ (in den Applaus hinein)
(Johlen)
(Applaus, langanhaltend)
„Vielen Dank!“
(Verbeugt sich)
(Applaus und Johlen, ca. 2 Min.)
(Tritt wieder ans Pult)
„Wissen Sie…“
(Applaus langsam nachlassend)
„Wissen Sie, als mein Freund und Musikredakteur Lars Brookmeyr (winkt ins Publikum) vor etwas über einem Jahr zu mir sagte: Michael, du hast keine Ahnung von Radio, aber wenn du schnell sprichst, merken die das nie…“
(Gelächter, Johlen, Pfiffe)
„…da hab ich gesagt: Blödmann! und mich vors Mikrofon gesetzt.“
„Danach haben wir die erste Sendung aufgenommen.“
(Applaus)
„Schauen Sie, ich glaube was man kann ist weniger wichtig, als das was man will. Ich wollte Radio machen und den Menschen da draußen etwas geben. Etwas, das sie heutzutage kaum noch finden können: Ehrlich gemeinte Unterhaltung.“
„Es ging nie um Geld und… wissen Sie, irgendwie habe ich das Gefühl, es wird nie um Geld gehen.“
(Gelächter)
(Wischt sich eine Träne des Glücks mit einem zerknüllten 500 Euro Schein aus dem Gesicht)
„Es kommt bei all dem allein auf eins an, meine Freunde: Auf Euch.“
„Vielen Dank!“
(Verlässt die Bühne)
(Frenetischer Applaus)
(Stehende Ovationen)
(Aufwühlende Orchestermusik)
Die neue Gesichtsfett-Akkusau ist da!
10. Januar 2007

Und wieder ein Generalstreich von Stevie-Boy.
Ganze Horden von Apple-Jüngern werden diesen Klotz an ihren tiefhängenden Designer-Jeans abwischen und meinen das wäre cool.
All das während ihnen klirrender Ipod-Sound die Innenohren verätzt, das Handy die Gehirnzellen kocht, als ob es einen Unterschied machen würde, orientierungslose Menschen googlegemappt durch die Weltgeschichte schicken und Milliarden von Euro aus Hartz-4 Konten in die tiefen Taschen extrem reicher Magnate spülen.
Dresden, Teil III
9. Januar 2007
Wo wir gerade von Hinterhöfen sprechen. Dresden Neustadt hat ein paar ganz abgefahrene. Nicht nur die Höfe selbst sondern die Fassaden der Häuser waren Kulisse für so manches Mitglied der Künstlersozialkasse.
Affen schwingen sich von Baum zu Baum während Giraffen zuschauen, gewagte Regenrinnenkonstruktionen klettern empor wie Efeu aus Blech. In denselben Hinterhöfen gibt es kleine Kunsthandlungen und Feng Shui Geschäfte in denen man Accessoires zur Energieoptimierung der eigenen 1-Raum Plattenwohnung erstehen kann.
Designer-Uhren aus Kambodscha, hochverschnörkelter Silberschmuck aus einer indischen Manufaktur in China, Second-Hand Klamotten, Second-Hand Bücher, allerlei obskures Zubehör für noch obskurere Hobbys. Man kann einen ganzen Tag damit verbringen, dieses Labyrinth zu inspizieren und doch nicht fertig werden.
Irgendwann wird eh die Zeit knapp und nicht Ortsansässige wie ich müssen abreisen, zurück in den Fängen schlecht gelaunter Zugbegleiter.
Kurz spielte ich mit dem Gedanken ein paar Fotos im Innenhof des Zwingers zu machen, aber dort standen schon mehrere Hundertschaften anderer Kleinbildkameraden und blitzten dumpf in den Dresdner Winterhimmel.
In der Prager Straße drehte ich zwei Runden um einen Verkaufstand welcher Crepe mit Nutella anpreiste. Folgender Dialog spielte sich währenddessen in meinem von 4 Wochen Diät Zuckerdeprivierten Hirn ab:
- Ach das eine Crepe kann doch kein Problem sein. Die paar Kalorien. Dann verlängern wir die Diät halt, oder laufen nach Hause.
- Die paar Kalorien. Ha! Das sind hunderte, tausende! Du müsstest nach Kapstadt laufen um die wieder weg zu kriegen. Und zwar im Galopp!
- Och bitte! Ich ess auch nie wieder irgendwas. Nur diesmal noch!
- Nei-hen!
- Arschloch!
Mit dieser Niederlage endete mein Aufenthalt in Dresden, oder zumindest meine Lust weitere Eindrücke zu speichern.
Aber ich werde wieder kommen. Und nächstes Mal bleib ich länger. Tschüss Dresden!





Neue Kommentare