Hundstage
29. Januar 2006

photo: ams-gwu07
Es gibt so Straßen in Gera, da sind die Gehwege reine Hindernisstrecken. Die dort gehenden Menschen haben ihren Blick starr auf den Boden gerichtet und nicht selten hält einer an und schaut sich, Böses ahnend, unter die Schuhe. Im Negativfall benennt er lautstark die Substanz, die ihm soeben das Profil seiner Doc Martens Treter aufgefüllt hat.
Jetzt könnte man sagen: Das liegt an den Hunden. Es sind einfach zu viele.
Finde ich nicht. Ich finde, es liegt an den Menschen, die ihre Hunde nur bis zum Schwanz tolerieren und respektieren, aber nicht darüber hinaus. Von denen gibt es zu viele.
Stellt euch vor, man würde euch ab sofort den Zugang zu allen Toiletten verweigern und euch an einem Halsband auf bestimmten Routen durch die Stadt schleifen. Routen auf denen nicht der kleinste Busch wächst, keine Wiesen, keine Bäume. Nur Pflastersteine und Hauswände.
Aber ihr könnt es eurem Herrchen nicht begreiflich machen, denn er versteht euer Gerede nicht, sondern beschwert sich noch darüber. Er hat vergessen wie man mit euch spricht. Er bellt. Irgendwann gebt ihr auf und nehmt mit dem Fußweg vorlieb. Geht auch gar nicht anders. Herrchen will wieder nach Hause. Ihm ist kalt.
Gera Postcard, Nummer 12
27. Januar 2006
Fernseh-Teenager
25. Januar 2006

Der Offene Kanal ist 10. Deshalb gab es heute eine kleine Feier in der Webergasse.
Eine hübsche Praktikantin hatte einen Film vorbereitet, in dem die letzten zehn Jahre des offenen Kanals zusammengefasst wurden. Manchmal sind die Sendungen des OKG ja eher trocken, aber diese war nicht nur frisch und fluffig, sie war gut. Ich hoffe das Video wird online verfügbar gemacht. Dann werde ich es verlinken.
Außerdem fand ich bemerkenswert, dass sich der Offene Kanal offenbar neu positionieren will. Das heißt, es wird neue Sendungsformate geben und die Sendezeiten werden an die Gewohnheiten der Zuschauer angepasst.
Podcast, Nummer 1
24. Januar 2006

Und hier ist er, der erste Podcast von Radio-G.
Circa 20 Minuten lang. Dateigröße etwa 9 MB.
Moderator: Michael
Musik:
Authist & Dub One! A Taste of Easiness (Berlin)
Magic Dimension Wolkenlos (Gera)
Louie Ehrlich If this ain’t love (San Ramon, California)
Inhaltliche Links:
MyownMusic - Deutschsprachiges Indepent Musikportal
Pimp my Brain Podcast - Interview vom Digital Lifestyle Day 06 in München
Heimtückischer Raub
23. Januar 2006
Also normalerweise fällt mir ja so ziemlich alles auf. Auch kleine Dinge. Aber das diese unglaubliche Weltverschwörung erst jetzt in mein Bewusstsein rückt ist unakzeptabel.
Gut, ich fahr nicht oft mit der Strassenbahn, weil laufen gesünder ist und nichts kostet. Nur wenn es zum laufen zu kalt ist, war es heute, dann überwinde ich meinen Geiz.
Irgendwas ist anders, dachte ich, als die Bahn losfuhr. An der nächsten Haltestelle dachte ich das gleiche nochmal. Aber es dauerte noch zwei weitere Stopps, bis ich es endlich begriff: Ha! Die Türklingeln sind weg!
Eine Strassenbahn ohne Klingel. Das ist so, als wäre der Himmel heute plötzlich grün, statt blau, die Sonne rot und Schokoeis gelb. Ein Quantensprung. Mann, dass ich das nicht früher gemerkt hab. Altersgleichgültigkeit vielleicht. Macht doch! Hauptsache ich krieg meine Rente. Mal zum Arzt gehen?
Ich denke drüber nach.
Nicht das mir die Klingeln extrem fehlen würden. Sie waren schon nervig und laut. Trotzdem hatte ich das selbe Gefühl das einen überkommt, wenn man nach langen Jahren in der Fremde seine Heimat besucht und die alte Schule ist ein Erotikshop.
Gera Postcard, Nummer 11
22. Januar 2006
Latentiert
22. Januar 2006
Fragen Sie sich auch manchmal, ob es neben Arbeiten, Meckern und Fernsehen noch was gibt? Produzieren Sie Musik? Schreiben Sie Geschichten? Machen Sie gute Fotos? Meinen Sie vielleicht sogar überdurchschnittlich gut zu sein, aber trauen sich nicht so richtig an die Öffentlichkeit?
Dann geht es Ihnen wie den meisten talentierten Menschen.
Gottseidank gibt es das Internet. Größer als jedes Museum, umfangreicher und aktueller als eine Bibliothek, offen in jede Richtung, international und das Beste: Anonym wie ein H&M Pullover.
Man muss nicht mal eine eigene Webseite haben, sondern begiebt sich einfach auf eins der einschlägigen Portale, meldet sich fantasievoll an und legt los.
Ein solches Portal gibt es auch in Gera. Es ist deutschsprachig und heißt Latal. Nicht groß, eher klein sogar. Aber das ist Absicht, sagt Peter, der Betreiber. So ist es schön übersichtlich und lässt sich einfacher verwalten.
Peter selbst stammt nicht aus Gera, sondern aus Berlin, lebt aber seit 25 Jahren hier. Die Miglieder seines Portals hingegen kommen aus ganz Deutschland, aber wie gesagt, so ist halt das Internet.
Latal ist ziemlich fotolastig (Peters Talent). Aber es gibt auch Grafiken, Musik, Texte natürlich und ein Forum.
Gera Postcard, Nummer 10
20. Januar 2006
Meditativ
19. Januar 2006
Kurzer Bummel durch die Arcaden. Bei Promarkt wieder zu viel Geld ausgegeben, dann aber reumütig am Imbisstand gegenüber gespart: Heute mal Soljanka. Schmeckt hervorragend.
Beim Verlassen der Arcaden passiere ich eine automatische Drehtür. Während ich durchgehe, bleibt diese plötzlich stehen. Drei Einkäufer und 4 Einkaufstaschen rummsen gegen Glasscheiben. Massenträgheit.
Teutonische Gewaltbereitschaft blitzt in den Augen der Zwangsgeparkten. Wer war es? Schnell muss ein Schuldiger ausgemacht werden und der bekommt es dann richtig besorgt. Idiot! Assi! Wir sind doch hier nisch uffm Raumschiff Enderbreis!
Gern würde ich den aufgebrachten Menschen ein Meditationsseminar empfehlen. Yoga, zum Beispiel, wird ja mittlerweile von der Kasse gezahlt.
Im Puppentheater frage ich nach ob Andreas Schmidt-Schaller noch dort arbeitet. Tut er nicht, leider. Schon seit Jahren ist er weg. Nach Berlin sagt man mir. Er hat zu tun, im Fernsehen und so. Außerdem wird das Puppentheater jetzt vom „Großen Haus“ geleitet. Gemeint ist das Theater Gera-Altenburg.
Schade, den Ex-Polizeirufkommissar hätte ich gerne mal interviewt, obwohl ich nur einen Polizeiruf mit ihm wirklich gut fand, nämlich den, wo er und Borgelt sich mit den Tatortkollegen Schimanski und Tanner zusammentun. Großes Fernsehereignis der Wendezeit.
Im KuK gibt die IHK heute Bildungsmesse und alle sind gekommen. Handwerker, Polizei, Feuerwehr, Berufsschulen, Fachschulen, Kaufhäuser und sogar Nagelstudios. Sie alle wollen ausbilden.
Zwischen den Messeständen irren hunderte, orientierungslose Teenager umher. Vor fünf Jahren noch wollten sie Kranfahrer werden, Krankenschwester oder Cowboy. „Wenn ich groß bin…“ Heute wird strategisch geplant. Die Berufschancen, das Einkommen, der Status, die Zukunft. Und immer an die Rente denken. Übrigens, liebe Teenager, ein ganz heißer Berufstipp von mir: Yogalehrer.
Gegenüber vom Elsterforum esse ich ein paar Wiener im Senfladen. Hatte ich nicht eben erst Soljanka? Egal.
Den Senf kann ich mir aussuchen. Während ich esse schaue ich mir die Wand an, weil da so schöne handgemalte Bilder von Gera hängen. Der ganze Laden hängt voll davon. Ich frage die nette Verkäuferin, wer die denn alle gemalt habe. Sie weiß es nicht. Aber die Stadt auf den Bildern sei übrigens Altenburg.
Gera Postcard, Nummer 9
13. Januar 2006












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