Gera Postcard, Nummer 5

31. Dezember 2005

Menschlichkeit

30. Dezember 2005

Gerade durch die Stadt gelaufen. Winterwetter genießen, so lange es noch da ist. Auf der Sorge links gegangen, weil da der Matsch nicht so tief ist. Das Kinn im Mantelkragen vergraben, die Bartstoppeln ziehen, die Ohren frieren, ich bin zu eitel für eine Schlabbermütze.

In Amerika gibt es so Dinger, ich weiß gar nicht wie die heißen, die sehen aus wie ein Kopfhörer aus Fell und halten die Ohren warm. Der Bügel liegt aber nicht auf dem Kopf, wie bei einem richtigen Kopfhörer, sondern er geht hinten ums Genick herum. Gar nicht schlecht. Man muss keine Mütze aufsetzen und die Öhrchen bleiben trotzdem warm.

Im Elsterforum gehe ich in die Bücherecke, obwohl die nun wirklich nicht gut sortiert ist. Aber man kann es ja trotzdem versuchen. Dann fahre ich runter ins Erdgeschoss. Dort sitzt ein Haufen Leute. Sie trinken Kaffee, essen Kuchen und plappern dass es nur so eine Freude ist. Der Klavierspieler mit dem Pferdeschwanz hat gerade Pause und unterhält sich mit einem dicken Mann über „Rhythmus den man da rein bringen könnte“ oder so etwas.

Es gibt so einen Typen in Gera. Der ist mir schon lange aufgefallen. Das muss ein Gigolo sein. Er sitzt ausschließlich in Cafés oder Restaurants in Begleitung von Frauen. Immer andere Frauen. Er trägt einen Anzug oder Leder. Sehr fein. Seine Zigarette hält er nach oben, zwischen Daumen und Zeigefinger. Er schweigt wenn die Frauen ihm etwas erzählen, aber ich bin nicht sicher ob er ihnen zuhört.

In den Arcaden versuche ich die Thalia Buchhandlung. Die ist schon viel besser. Als ich ein scheinbar interessantes Buch gefunden habe, setze ich mich auf die rote Couch und beginne zu lesen. Nur die Konzentration fällt mir schwer, denn auf der anderen Couch mir gegenüber sitzt ein Pärchen, etwa 15 schätze ich. Das heißt, eigentlich liegen sie schon fast. Er umarmt sie so von hinten und ihr Kopf liegt auf seinem Bauch.

Nach einer Weile kucke ich noch mal rüber und da hat er doch tatsächlich seine Hand von oben in ihren Ausschnitt geschoben. Alle sehen es natürlich, aber niemand sagt was. Was soll man auch sagen. Wahrscheinlich haben die beiden sonst keinen Platz, wo sie so was tun könnten. Ich kenne Menschen die zum Schlafen und Aufwärmen in diese Buchhandlung kommen. So was ist jetzt noch selten, aber wird sicher zunehmen. Damit meine ich gar nicht die Edelbettler in der Nähe der Kaufhäuser. Die sind jetzt schon weg. Weihnachtsmarkt vorbei, Saison vorbei.

Ich weiß nicht warum, aber plötzlich überkommt mich ein Heißhunger auf Erdnussflips. Bei Müller kehre ich ein und hole mir eine Tüte zu eins neunzehn. An der Kasse passiert dann etwas, was mich immer wieder sprachlos werden lässt. Ich stehe deutlich wartend zum Bezahlen an und dann kommt von hinten links ein Rentnerehepaar und stellt sich genau vor mich in die Reihe. Sie können mich nicht übersehen haben. Ich überrage sie beide bei weitem. Aber sie befinden sich in diesem seltsamen Zustand blinder Fiktiveile, die viele unserer lieben Senioren von Zeit zu Zeit überkommt. Sie schauen weder links noch rechts. Sie müssen hier was erledigen und zwar genau jetzt. Sie leben sozusagen „im Moment“.

Ich könnte meckern, ich könnte sie vor allen runtermachen, ich könnte den ganzen angestauten Weihnachtskotzstress jetzt an diesen beiden Panikpensionären abreagieren. Und ich habe wirklich große Lust dazu. Aber ich tue es nicht. Ich vergebe ihnen. Das geht schneller.

Gera Postcard, Nummer 4

30. Dezember 2005

Kulturbahnhof

29. Dezember 2005

Es schneite heftig, als ich am Sachsenplatz ankam. Die dicken Flocken flogen mir genau in die Augen. Schneeblind heißt das dann wohl.

Geradeaus der Südbahnhof. Ein Wagon der Vogtlandbahn schaute hinter dem Gebäude hervor. Hhhmm, und wo ist jetzt dieser ominöse Sächsische Bahnhof? Ein Stück weiter, links vom Südbahnhof erspähte ich ein Backsteingebäude. Das könnte er sein. Da war zwar ein Schild auf dem etwas von Post stand, aber das stand da wohl schon länger, wie das meiste in dieser Gegend. Bewohnt sah es nicht aus, das Haus. Von außen jedenfalls. Ein paar Autos links davor, aber das musste nichts bedeuten.

Als ich schon fast vorm Portal stand, deutete immer noch nichts auf die Anwesenheit von Menschen hin. Außer ein paar deutlichen Fußspuren im Schnee. Schuhgröße 44 würde ich sagen, 75 Kilo, 25-30 Jahre, männlich, Südhang. Etwa zwei Stunden alt, vielleicht zweieinhalb. Das linke Bein leicht nachgezogen. Ha! Jack London lesen lohnt sich eben doch.


Sascha im zukünftigen Biergarten

Ich stand vor der Tür und lauschte. Irgendwas klapperte da drinnen. Ich klopfte. Und siehe da, mir wart aufgetan. Sascha, wie sich später herausstellte. Er ist einer von vier Männern, die den Sächsischen Bahnhof inklusive Grundstück gekauft hatten. Sascha ist der fröhlichste von allen. Ich glaube er kann gar nicht böse schauen. Die anderen schon eher. Sie beäugten mich. Dieser typisch deutsche Gesichtsausdruck. Was will der denn? Aber das kenne ich schon.

Ich erzählte kurz warum ich da war. Keine Bange, ich will nix böses. Interesse am Projekt, Blog für Gera, Internetradio, alternative Themen. Ich kann es fast auswendig. Sascha führte mich rum, sehr freundlich, sehr informativ. Drinnen müsse noch viel gemacht werden, wird wohl Jahre dauern bis es perfekt ist, ein kultureller Treffpunkt solle es werden, mehrere Räume, eine Bar, eine Kneipe, zwei Säle für Veranstaltungen, jeder kann mitmachen, ein paar hätten sie sogar schon gehabt, Kabarett zum Beispiel, die nächste dann im 21. Januar, „Verbrannte Erde“, Rockband aus Gera.

Dann gingen wir zur Hintertür hinaus und standen dort wo später ein Biergarten sein soll. Es ist die alte Plattform für die Passagiere. Wie eine große Terrasse sieht sie aus. Eine vermutlich sehr alte und weit verzweigte Kletterpflanze wird im Sommer Schatten spenden, wenn die Sonne im Süden vorbei zieht. Ein schöner Platz. Ich konnte mir es richtig vorstellen. Das Grundstück ist übrigens nicht auf das Gebäude begrenzt, sondern setzt sich südlich noch etwas fort. Da lässt sich einiges anstellen. Den Biergarten vergrößern zum Beispiel.


Der Innenraum im Erdgeschoss

Wieder zurück im Inneren des Hauses wurde Sascha weggerufen, einen antiken Kachelofen umplatzieren. Ich fotografierte inzwischen. Übrigens ein Tipp für Hobbyfotografen: Wer Industriethemen liebt, wird hier garantiert fündig. Der Sächsische Bahnhof ist ein echtes Kleinod. Innen und außen. Architektur, Ausstattung, sogar Möbel.

Sascha erzählte mir noch etwas über die Geschichte des Hauses und wurde dann wieder weggerufen. Es wurde jetzt definitiv arbeitsam. Zeit für mich, nicht länger im Weg zu stehen mit meinen zehn Daumen. Da wäre sonst nur was passiert.

Mein Bauchgefühl sagt mir (und es irrt sich selten), dass was wird aus dem Sächsischen Bahnhof. Ich wünsche es den vieren. Und ich wünsche es Gera.

Gera Postcard, Nummer 3

29. Dezember 2005


Am Elsterufer

Unter Einsatz meines Lebens…

24. Dezember 2005

…im Auftrag von Radio G und im Dienste der Menschheit sowie des Geraer Volkes erklomm ich heute todesmutig den Rathausturm. Freihändig.

Das alljährliche Turmblasen war der Anlass. Von oben wollte ich die Bläser porträtieren. Leider ging es nicht. Ich hätte mich viel zu weit über das eigentlich Schutz bietenden Geländer lehnen müssen, während andere ungeduldige Menschen hinten an mir und meinem Rucksack vorbei schubberten, auf der Suche nach einem eigenen Aussichtspunkt. Ein unvorsichtiger Stoß mit einem Opagehstock hätte genügt und ich wäre den Blasenden mitten ins Konzert hinein gepurzelt. Zehn Etagen tiefer.

Schön haben sie gespielt. Das muss man sagen. Und viele, viele Leute waren da. Der Marktplatz war nicht gar nicht groß genug für alle. Deshalb bin ich dann auch gegangen. Große Menschenansammlungen gehören nicht zu meinen Lieblingssituationen.

Der rote Bimmelklaus

24. Dezember 2005

Schaut es euch an, dieses süffisante Grinsen, diesen Gaunerblick. Zum Frisör müsste er auch mal. Seinen Fettwanst und den Beutesack habe ich gar nicht mit fotografiert. Da kann er froh sein. Und diese roten Klamotten. Landstreicher!

Ihr merkt es schon: Ich bin ein Weihnachtsmuffel. Das war schon fast immer so. Nur als Kind fand ich Weihnachten toll, weil es Spielzeug umsonst gab und Westschokolade frei Haus. Nutella mit dem Löffel aus dem Glas, 400g pro Stunde. Das waren noch rauschende Feste. Alles vorbei.

Heute Abend um sechs wird jemand im elterlichen Wohnzimmer seinen Zeigefinger unter das Gewand der oben abgebildeten Jahresendfigur schieben, einen kleinen Schalter am Rücken ertasten und diesen umlegen. Daraufhin wird der Weihnachtsmann zum Leben erwachen, eine kleine Glocke schwingen und wie ein Duracellhase über den Wohnzimmerflur hühnern. Alle werden schreien vor Begeisterung, so wie letztes Jahr auch, und dann gibt es Geschenke.

Irgendjemand schenkt auch immer Alkohol und der kommt dann gerade recht. Schnell betäuben, verdrängen, runterspülen.
„Sag mal Micha, du trinkst doch gar keinen Ouzo!“
„Heute schon.“

Jenen unter euch, die das Weihnachtsfest lieben und „leiden können“ (haha), wünsche ich einen wunderschönen heiligen Abend! Bis nächstes Jahr.

Trockeneis

23. Dezember 2005

Nicht ganz live - dazu fehlt mir die Technik - aber immerhin zeitnah, hier mein Bericht zur Eröffnungsveranstaltung der Eisbahn Gera.

Das obige Bild stammt etwa von 18.15 Uhr. Um 18.00 Uhr sollte es losgehen. Als ich um 18.40 Uhr den Schauplatz verließ, war noch niemand auf dem Eis. Das heißt, da waren zwei Herren, die sich abmühten mit Hilfe von handbetriebenen Schlittschuhen etwas Stumpfes von der Fläche zu schaben.

Am Anfang der Veranstaltungen liefen und standen mehrere hundert Menschen herum, viele von ihnen auf der Balustrade vorm KuK. Das war in sofern sinnvoll, als dass später ein kurzes aber heftiges Feuerwerk abgefeuert wurde. Mei, war das laut.

Nach dem Feuerwerk wanderten die meisten Menschen so langsam ab.

Ab morgen wird die Eisbahn sicher rutschen und flutschen, wie sich das für eine Eisbahn gehört. Wenn es soweit ist, werde ich versuchen ein Interview mit dem Betreiber zu führen. Er soll ein interessanter Mensch sein.

Gera Postcard, Nummer 2

22. Dezember 2005

Alles außer Wolfgang Petri

22. Dezember 2005

„Beim süßen Winkel musst du rein, den Durchgang zum Standesamt nehmen und dann links.“ So lautete die Wegbeschreibung eines Freundes, als ich ihn nach dem Ort des neuen Künstler-Portals in Gera fragte. Gelesen hatte ich darüber in einem Faltblatt. Den Inhaber, Marcel Dally, kannte ich schon aus dem Literaturcafe, aber der richtige Eindruck, der direkte, der fehlte mir noch.

Irgendwann gegen 10 Uhr vormittags stand ich vor der Glastür des Büros und konnte nicht rein. Es war zu früh. Ab 12 geöffnet. Okay, der Mann ist Künstler und selbständig. Das muss man auskosten. Ich kann das verstehen.

Beim zweiten Anlauf um 13.00 Uhr saß Marcel dann tatsächlich Tastatur klappernd auf dem Chefsessel und winkte mir zu.
Das Büro ist klein. Schreibtisch, drei Stühle. Soviel zum administrativen Teil. Der Rest des Platzes wird okkupiert von Sound Equipment und gut zwei Dutzend Trommeln. Manche modern aussehend, andere Inkamäßig mit bunten Wollfransen und alle haben Namen. „Das ist ein Djembe“ sagte Marcel, als ich mir ein mittelgroßes Instrument näher beschaue. „Und das hier?“ wollte ich wissen und zeigte auf eine merkwürdige Anordnung aus Aluminiumröhren und Nylonschnur.
„Das sind Schneefangrohre.“
„Aha!“ Ich war verwirrt, ließ mir aber nichts anmerken.
„Na ja, die heißen halt so. Aber wenn man sie anschlägt klingen sie. Pass auf.“
Marcel hob eine Röhrensammlung an und schlug mit einem Kuli drauf. Tatsache, es klang. Und sehr schön sogar. Wie ein Glockenspiel könnte man sagen.

„Wie bist du eigentlich zum Trommeln gekommen?“ wollte ich wissen. „Das hat sich so ergeben.“ Irgendwann vor vielen Jahren hatte Marcels Vater ihm eine Garage gekauft. Damit was wird aus dem Jung. Autos reparieren, oder Mopeds. So war die Idee. Es waren die frühen Neunziger. Marcel war skeptisch. Er tauschte einen CD Spieler gegen ein Schlagzeug, stellte dieses in die Garage und fing an zu trommeln. Und so kam das.


Trommelworkshop

Seit Jahren tritt er auf bei Veranstaltungen, allein oder mit anderen Musikern.
Mittelalterspektakel, Cityfest auf der Sorge und vieles mehr. Auch Privatpersonen kaufen ihn ein. Für Trommelworkshops zum Beispiel. Oder Geburtstage und Hochzeiten. Deshalb auch die Nähe zum Standesamt.
„Trommeln zur Hochzeit?“
„Nein, das ist dann ganz normale Musik. Die machen wir ja auch. Dafür ist die Beschallungstechnik gedacht. Wir können bis zu 300 Menschen unterhalten.“
„Und welche Musik spielt ihr?“ „Eigentlich alles außer Holzmichel und Wolfgang Petri.“

Außerdem vermittelt Marcel Bands aller Art, Musiker, Straßenmaler, Karaoke, Minnegesang, Gaukler für Ritteressen, Clowns, Feuerspucker, Alleinunterhalter, Dudelsackspieler und eine Bauchtänzerin.
Sogar bei Beerdigungen ist er dabei. Dort sorgt er für angenehme Hintergrundmusik, die er selbst auf seinem Synthesizer komponiert.

Harmonische Synthesizer Musik ist Marcels Leidenschaft. Filmmusik vor allem. Er schreibt Musiken für Filme, die nur in seinem Kopf existieren. Die Handlung kann man beim Zuhören bereits erahnen. Auch Internetradios verwenden seine Musik.

Internetradio war ein gutes Stichwort für mich, denn genau das mache ich auch. Also bestellte ich gleich eine „Best of“ CD bei Marcel, die ich dann Ausschnittsweise auf Radio G zu Gehör bringen werde.

Just im Moment meiner Bestellung ging die Tür auf. Ein Kunde trat ein und begann den ersten Satz einer Konversation, die ich mal als Techno-Kauderwelsch bezeichnen möchte. Stecker und Buchsen hab ich ja noch verstanden, aber der Rest entstammte zweifellos dem Jargon langjähriger Tontechniker.

Zeit das Interview zu beenden und Marcel seinem Geschäft zu überlassen. „Viel Glück!“ von mir.
Auch ohne Wolfgang Petri.

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